DEMNÄCHST | Samuel Fosso: Die Retrospektive

2.7.2022 — 30.10.2022

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The Walther Collection widmet dem französisch-kamerunischen Fotografen Samuel Fosso, einem der renommiertesten afrikanischen Künstler der Gegenwart, seine bislang größte Retrospektive. Die Ausstellung vereint Fossos Arbeiten aus der The Walther Collection mit weiteren bedeutsamen Werkzyklen und unveröffentlichten Jugendfotografien. Sie ergänzen sich gegenseitig und spiegeln eine künstlerische Praxis wider, die zwischen intimen Gedanken und kollektiven Erzählungen oszilliert.

Obwohl das Genre der Selbstdarstellung und insbesondere des Selbstporträts seit den 1970er Jahren von vielen Künstlerinnen und Künstlern genutzt wird, hat Samuel Fosso diese Praxis in Hinblick auf ihre politischen, historischen, fiktionalen und persönlichen Implikationen maßgeblich geprägt. Mit mehr als 200 Werken unter denen sich mitunter seine Studioaufnahmen aus den 1970er Jahren, dynamische Farb- und Schwarz-Weiß-Serien aus den 1990er und 2000er Jahren, und neuere Projekte wie die monumentale Polaroidserie SIXSIXSIX befinden, bietet diese Ausstellung einen umfassenden Überblick über Samuel Fossos Oeuvre.

Der 1962 in Kamerun geborene Samuel Fosso begann seine Karriere schon in jungen Jahren in der Tradition von Seydou Keïta und Malick Sidibé als Studiofotograf. Seit Mitte der 1970er Jahre konzentriert sich Fosso auf Selbstporträts und Performances, in denen er sich auf die Diversität von Identität in der postkolonialen Ära konzentriert. Die Ausstellung spannt den Bogen von seinen frühen Selbstporträts in Schwarz-Weiß aus den 1970er Jahren bis zu seinen jüngsten, experimentellen Selbstdarstellungen. In diesem präsentierten bemerkenswerten Gesamtwerk Fossos wird auch die lebhafte und farbenfrohe Serie Tati (1997) gezeigt. In dieser Werkserie verkörpert Fosso spielerisch verschiedene stereotype Charaktere wie die befreite amerikanische Frau, den Golfer oder den Rocker. Durch diese satirischen und bissigen Bilder hinterfragt Fosso das Konzept der persönlichen und sozialen Identität. Dadurch, dass er sich in andere Leben und Wege einfügt, kreiert er eine Strategie sich von vorgefertigten Mustern zu befreien und seine eigene Identität neu zu erfinden und zu leben.

In seiner monumentalen Serie African Spirits (2008) stellt Fosso in präzisen Selbstaufnahmen Ikonen der panafrikanischen Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegung dar, wie Patrice Lumumba, Nelson Mandela, Martin Luther King Jr. und Angela Davis. Diese durch das fotografischen Medium fixierte Verkörperung wichtiger historischer Figuren und sozialer Archetypen ermöglicht Fosso sich seiner eigenen Existenz in der Welt zu vergewissern, aber auch die Macht des fotografischen Mediums bei der Konstruktion von Figur und Mythos zu demonstrieren.

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Samuel Fosso, Le rocker (The Rocker), 1997, from the series "Tati"
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Samuel Fosso, La femme américaine libérée des années 70 (The LiberatedAmerican Woman of the 1970s), 1997, from the series "Tati"
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Samuel Fosso, Le golfeur (The Golf Player), 1997, from the series "Tati"
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Samuel Fosso, Self-Portrait (Martin Luther King, Jr.), 2008, from the series "African Spirits"
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Samuel Fosso, Self-Portrait (Angela Davis), 2008, from the series "African Spirits"
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Samuel Fosso, Self-Portrait (Patrice Lumumba), 2008, from the series "African Spirits"

In Emperor of Africa (2013) zeigt sich Fosso als der chinesische Führer Mao Zedong auf seinem Streifzug durch Afrika. Obwohl Chinas wachsende wirtschaftliche und kulturelle Präsenz von vielen afrikanischen Führern enthusiastisch begrüßt wurde, hat sie insbesondere bei den Intellektuellen des Kontinents Besorgnis ausgelöst. In einer komplexen, vielschichtigen Performance ist Fossos Mao sowohl Ahnenfigur als auch Diktator, und Fosso selbst ist der Mann hinter der Maske, der das Imperium und die Postkolonie hinterfragt.

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Samuel Fosso, "Emperor of Africa," 2013
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Samuel Fosso, "Emperor of Africa," 2013
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Samuel Fosso, "Emperor of Africa," 2013

In Le rêve den mon grand-père (2003) widmet sich Fosso seiner in frühen Lebensjahren verlassenen Heimat und führt traditionelle Rituale durch, die er als Kind aufgrund seines Wegzugs nicht praktizieren konnte. Fosso trägt traditionelle Igbo-Kleidung und drückt damit aus, wie das Selbst mit der Familiengeschichte verbunden ist. Es ist eine visuelle Interpretation von Wünschen und imaginierten Erinnerungen, eine rituelle Rückkehr, an der ihn die gewalttätige postkoloniale Geschichte seiner Heimat nicht hindern konnte.

"Die Sequenz, die oft fälschlicherweise für eine ledigliche Darstellung von Fossos Großvater gehalten wird, ist nicht nur eine höchstpersönliche Selbstporträtserie, sondern auch ein Archiv symbolisch bedeutsamer Handlungen eines Mannes, der versucht, sich wieder mit einer Familiengeschichte, einem Erbe und einer Heimat zu verbinden, aus der er lange Zeit verbannt gewesen ist." - Chika Okeke-Agulu

Black Pope (2015) hinterfragt die unerschütterliche katholische Ergebenheit gegenüber dem Weißsein in der zeitgenössischen visuellen Kultur mit einer neuen Version des Papstes. Die Serie hinterfragt die Hegemonien von Wahrheit und Macht, auf denen das Glaubenssystem beruht.

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Samuel Fosso, "Black Pope," 2017
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Samuel Fosso, "Black Pope," 2017
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Samuel Fosso, "Black Pope," 2017

SIXSIXSIX (2017) besteht aus 666 Polaroid-Selbstporträts, die Samuel Fosso mit einem kleinen Team in den Jahren 2015 und 2016 in seinem Pariser Studio produziert hat. Die Bilder, die stets vor demselben Hintergrund aufgenommen wurden, unterscheiden sich von Fossos früheren Selbstporträts durch ihre einfache und sich wiederholende Ästhetik. Fossos Konzept bestand darin, 666 Selbstporträts zu erstellen, die jeweils einen anderen Gesichts- und Körperausdruck zeigen. Sie verkörpern hierin die Verbindung zwischen Performance und Fotografie.

SF 6195 Fosso SIXSIXSIX 2015 16
Samuel Fosso, "SIXSIXSIX," 2015–16

Samuel Fosso: Die Retrospektive ist eine Wanderausstellung, die in Zusammenarbeit zwischen The Walther Collection, Maison Européenne de la Photographie (Paris) und Huis Marseille (Amsterdam) entwickelt worden ist. Anlässlich der Ausstellung veröffentlicht Steidl die französische Version des Buches Autoportrait, dessen erste Ausgabe gemeinsam mit The Walther Collection in 2020 herausgegeben worden ist. Das Buch ist die erste umfassende Übersicht über das Oeuvre Samuel Fossos und wird begleitet von Essays und Recherchen führender Theoretikerinnen und Theoretikern. Herausgegeben von Okwui Enwezor, enthält der Band Beiträge von Quentin Bajac, Simon Baker, Yves Chatap, Elvira Dyangani Ose, Chika Okeke-Agulu, Oluremi C. Onabanjo, Jean Marc Patras, Terry Smith, Claire Staebler, James Thomas und Artur Walther, sowie ein ausführliches Gespräch zwischen Samuel Fosso und Okwui Enwezor.

Fosso autoportrait and sixsixsix copy
Cover: "Autoportrait," 2020 und "SIXSIXSIX," 2020
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