Santu Mofokeng
Stories

8.5.2021 — 27.11.2021

SM 1053 Mofokeng Ishmael

Konzeptueller Rahmen

The Walther Collection stellt mit Santu Mofokeng: Stories das Lebenswerk des kürzlich verstorbenen südafrikanischen Künstlers Santu Mofokeng (1956–2020) vor und zeigt damit erstmals eine monografische Ausstellung in den Räumen der Sammlung in Neu-Ulm. Santu Mofokeng: Stories zeigt in sechzehn fotografischen Serien das Alltagsleben der sich im Wandel befindenden Gesellschaft Südafrikas vor und nach der Apartheid. Die Ausstellung basiert auf der gleichnamigen 18-teiligen Fotobuchreihe, die in einer mehrjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Fotografen, der Designerin Lunetta Bartz, dem Kurator Joshua Chuang und dem Verleger Gerhard Steidl entstanden ist und kürzlich veröffentlicht wurde. In Kooperation mit dem Steidl Verlag als Pop-up-Ausstellung mit leichten, ungerahmten Tritone-Drucken konzipiert, entspricht Stories Mofokengs Wunsch, dass sein Werk kostengünstig reproduziert und unabhängig von klassischen Museen überall ausgestellt werden kann – insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent.

SM 6741 04 Mofokeng Politics
Santu Mofokeng, "Politics", 1985–90

Die in Santu Mofokeng: Stories gezeigten Serien setzen sich kritisch mit der Bedeutung und Funktion der Fotografie auseinander und stellen ihren Status als Beweismittel und Träger von Erinnerungen in Frage. Die Ausstellung veranschaulicht, wie Mofokeng die Jahre während und nach der Apartheid auf einzigartige Weise dokumentierte und sich mit der Frage beschäftigte, wie ein demokratisches Südafrika mit seiner gewaltvollen Geschichte umgehen könnte. Zu Beginn seiner Karriere als Fotograf erlebte Mofokeng die Proteste und Aufstände der Anti-Apartheid-Bewegung. Im Gegensatz zu vielen seiner Kolleg*innen missfielen Mofokeng die in diesem Zusammenhang verbreiteten propagandistischen Bilder, weshalb er anstelle der brutalen Auseinandersetzungen lieber Alltagsszenen fotografierte. Dank seiner präzisen Beobachtungen gelangen ihm intuitive, intime und ambivalente Aufnahmen, die der Komplexität der Geschichte Südafrikas gerecht werden – Mofokeng selbst bezeichnete sein Werk als "metaphorische Biographie" seines Lebens, die von den Realitäten der Apartheid geprägt, aber nicht durch sie definiert ist.

SM 6767 14 Mofokeng Soweto
SM 6767 13 Mofokeng Soweto
SM 6767 15 Mofokeng Soweto
Santu Mofokeng, "Soweto", 1985–2000
SM 6767 08 Mofokeng Soweto

Den Beginn der Ausstellung im Untergeschoss des Weißen Kubus bildet "Soweto" (1985–2000), eine Serie, die Einblicke in das Innere der gleichnamigen Township gewährt und die Bewohner*innen in einfühlsamen, oft prosaischen Bildern porträtiert. "Politics" (1985–90) versammelt Aufnahmen, die Mofokeng als Fotojournalist und Mitglied des Fotokollektivs Afrapix schuf. Statt die in den Medien häufig gezeigten Bilder von Armut und Gewalt zu wiederholen, widmete sich Mofokeng der Dokumentation scheinbar unpolitischer Ereignisse. Mofokeng schrieb dazu:

Es ist nicht so, dass die Gewalt und das Elend, an die wir uns so gewöhnt haben, nicht real sind. Es ist nur so, dass es Teilrealitäten sind, die das Leben der Menschen nicht vollständig umfassen.

In den Jahren von 1988 bis 1994 reiste Mofokeng regelmäßig in die Gegend um die Stadt Bloemhof, wo er eine Reihe von Projekten wie beispielsweise "Dukathole" (1988), "Pedi Dancers" (1988–89), "Concert at Sewefontein" (1988), "Funeral" (1990), "Labour Tenancies" (1988–90) und "27 April 1994" (1994) realisierte. Alle Serien zusammengefasst lesen sich wie eine mehrteilige Erzählung über die verschiedenen Aspekte des ländlichen Lebens, die ein Schlaglicht auf die asymmetrischen Herrschafts- und Besitzverhältnisse zwischen schwarzen Arbeitern und weißen Landbesitzern wirft. Die Serien "Train Church" (1986) und "Johannesburg" (1986–93) zeigen im Kontrast dazu städtische Lebensräume und erzählen davon, wie die Segregation der Apartheid gewachsene Nachbarschaften zerstörte oder sich Gemeinden aus verschiedenen Townships an einem ungewöhnlichen Ort im Gebet versammelten. "Chasing Shadows" (1996–2010) – Santu Mofokengs konzeptionellstes Projekt – befasst sich ebenfalls mit dem Thema Spiritualität, entstand aber erst nach dem Ende der Apartheid und zeigt die heiligen Höhlen von Motouleng und Mautse.

Slideshow Mofokeng Pedi
Santu Mofokeng, "Pedi Dancers", 1988–89

Obwohl sich nach der Apartheid in Südafrika vieles verbessert hat, sieht sich das Land immer noch mit vielen Problemen konfrontiert, wobei aber sicher keines ist so schwerwiegend wie die HIV/AIDS-Krise ist. Im Untergeschoss des Grünen Hauses begegnet man zwei Projekten, die das Thema HIV/AIDS sowohl auf sehr persönliche als auch politische Weise ansprechen. In "Ishmael", dem textreichsten Band der Stories-Fotobuchreihe, gedenkt Mofokeng seines Bruders Ishmael, der 2004 an AIDS starb. Auch "Child-headed Households" (2007) handelt von Familien, deren Leben durch die in Südafrika grassierende HIV-Epidemie erschüttert wurden. Die übrigen Serien, die im Grünen Haus präsentiert werden, betrachten die gebaute und die natürliche Umwelt Südafrikas und untersuchen, wie die öffentlichen und privaten Räume die Ideologie der Apartheid reflektieren beziehungsweise wie das Land mit dem schweren Erbe der Apartheid umgeht. "Billboards" (1985–2010), "Robben Island" (2002), "Trauma" (1992, 2003) und "Landscapes" (1988–2010) reihen Aufnahmen geschichtsträchtiger Orte von Gewalt und Brutalität aneinander, um zu hinterfragen, was passiert, wenn sich diese Landschaften von ihrer Vergangenheit lösen.

SM 6706 02 Mofokeng Landscapes
Santu Mofokeng, "Landscapes", 1988–2010

Wo sein konzeptueller Einfallsreichtum die Möglichkeiten der Fotografie überflügelte, nutzte Mofokeng die Mittel der Sprache, um seine Kritik an der Fotografie und der Verhältnisse in Südafrika in einer kontroversen, aber uneigennützigen Prosa voranzutreiben, welche auch die Bilder in seinen Stories ergänzt. Aufgrund seiner großen Begabung als Fotograf, aber auch wegen seines immensen Talents im Umgang mit Sprache, wird Santu Mofokeng als einer der wichtigsten Künstler Südafrikas verehrt. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk, das die Aufmerksamkeit auf das Leben jener Menschen lenkt, die von den Verwerfungen der Geschichte betroffen sind.

Santu Mofokengs Werk ist ein zentraler Teil von The Walther Collection, welche einen der weltweit größten Bestände seiner Arbeit besitzt. Seine Fotografien waren in nicht weniger als zehn Ausstellungen der Sammlung zu sehen – in Neu-Ulm und New York genauso wie in Wanderausstellungen, die weltweit tourten. Sein 2013 erschienenes Buch The Black Photo Album / Look at Me: 1890-1950, das von The Walther Collection und dem Steidl Verlag koproduziert wurde, geht auf ein früheres Projekt gleichen Namens zurück, das ein vergessenes Archiv privater Fotografien recherchierte und analysierte, die von schwarzen Arbeiter- und Mittelschichtfamilien in Südafrika zwischen 1890–1950 in Auftrag gegeben worden waren.

Diese Website verwendet Cookies. Mit dem Besuch der Seite erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen.