Samuel Fosso
Autoportrait

24.9.2020 — 6.2.2021

SF 128 12 Fosso SM20 70s Lifestyle 1975 78

Konzeptueller Rahmen

Samuel Fosso: Autoportrait zeigt einen Querschnitt durch das facettenreiche Werk des westafrikanischen Fotografen Samuel Fosso, der eine zentrale Rolle bei der Entstehung der modernen und zeitgenössischen afrikanischen Fotografie gespielt hat. Autoportrait versammelt Arbeiten aus vier Jahrzehnten künstlerischer Produktion und knüpft an die im Jahr 2014 im Project Space gezeigte Einzelausstellung Samuel Fossos an. Die aktuelle Präsentation bekräftigt damit nicht nur die herausragende Stellung, die Fossos Werk im Kontext von The Walther Collection einnimmt, sondern setzt die langfristige Beschäftigung der Sammlung mit einzelnen künstlerischen Positionen sowie ihr anhaltendes Engagement für die Erforschung afrikanischer Beiträge innerhalb der Geschichte der Fotografie fort.

SF 128 10 Fosso SM31 70s Lifestyle 1975 78
Samuel Fosso, "70's Lifestyle," 1975–78
SF 128 08 Fosso SM11 70s Lifestyle 1975 78
 
SF 128 09 Fosso SM29 70s Lifestyle 1975 78
 

Seit er im Alter von dreizehn Jahren sein eigenes Fotostudio – das Studio Photo Nationale in Bangui, Zentralafrikanische Republik – eröffnete, konzentriert sich Samuel Fosso (geb. 1962, Kamerun) auf das Genre des Selbstporträts. Während seiner gesamten Karriere nutzte und verwandelte Fosso seinen eigenen Körper, um in Performances Variationen von Identität in der postkolonialen Ära darzustellen. Ganz in der Tradition der großen Meister*innen des inszenierten Selbstporträts – beispielsweise Pierre Molinier, Van Leo, Cindy Sherman oder Yasumasa Morimura – schufen Fossos frühe experimentelle Arbeiten aus den 1970er Jahren ein visuelles Vokabular, das sowohl den ethnographischen Visionen Afrikas als auch den Konventionen des kommerziellen Studioporträts entgegenstand. Während diese Arbeiten Leichtigkeit und Lebensfreude vermitteln, sind die Fotoessays, die in den 2000er Jahren auch außerhalb seines Studios in Bangui entstanden, von einem melancholischen Unterton geprägt. Eine Schwarzweißaufnahme aus der Serie "Mémoire d'un ami" (2000) zeigt Fosso in einem spartanisch eingerichteten Schlafzimmer fast nackt auf einem Bett liegend. Das Bild stellt einen vergangenen Moment der Angst des Künstlers nach, welcher mit der Erinnerung an die Ermordung eines Nachbarn durch bewaffnete zentralafrikanische Milizen verbunden ist.

SF 6859 Fosso Diptych1 ALLONZENFANS 2013
Samuel Fosso, [Diptych #1], from "ALLONZENFANS," 2013

In seinen inzwischen ikonischen, theatralischen und teils irritierenden Darstellungen verkörperte Fosso ein breites Spektrum an Charakteren, die er zu unterschiedlichen Zwecken und mit provozierenden Absichten einsetzte. "ALLONZENFANS" (2013) beschäftigt sich beispielsweise mit der bewegten Militärgeschichte Frankreichs und erinnert an die kaum erforschten Verdienste westafrikanischer Soldaten, die während der beiden Weltkriege an der Seite ihrer Kolonialherren gekämpft haben. In der Rolle des chinesischen Parteiführers Mao untersucht Fosso in "Emperor of Africa" (2014) die mythenbildenden Qualitäten des politischen Porträts und verweist dabei zugleich auf die problematischen Beziehungen zwischen China und dem afrikanischen Kontinent in der heutigen Zeit. Fossos künstlerischer Ansatz in "Black Pope" (2017) ist etwas spielerischer, wenn auch nicht weniger kühn. Die Serie fragt ganz direkt, wie ein in Afrika geborener Papst aussehen könnte und sich vor der Kamera verhalten würde. Eine Auswahl von 66 Polaroids aus "SIXSIXSIX" – Fossos monumentaler Serie von sechshundertsechsundsechzig Selbstporträts aus dem Jahr 2015, die er stets vor dem gleichen tiefroten Hintergrund aufgenommen hat – stellt eine bemerkenswerte Abweichung von seinem früheren Werk dar. Die zurückhaltende und schlichte Inszenierung der Bilder schafft eine direkte Verbindung zwischen Betracher*in und Künstler, während der beeindruckende Umfang des gesamten Projekts Fossos unermüdliche Auseinandersetzung mit dem Medium der Fotografie und seine beispiellose fotografische Karriere belegt.

SF 6855 03 SFBP27441 Fosso Black Pope 2017
Samuel Fosso, "Black Pope", 2017
SF 6855 01 Fosso Black Pope 2017
 

Die Ausstellung Samuel Fosso: Autoportrait fällt mit der Veröffentlichung zweier richtungsweisender Bücher über das Werk des Fotografen zusammen, die gemeinsam von The Walther Collection und Steidl herausgegeben werden. Der erste Band Autoportrait beschreibt Fossos konzeptuellen Umgang mit dem Genre des Selbstporträts in seiner Gesamtheit und erläutert die andauernde Auseinandersetzung des Künstlers mit den Themen Sexualität, Geschlecht und Selbstdarstellung. Herausgeber dieses Buchs ist der zwischenzeitlich verstorbene Kurator Okwui Enwezor. Es enthält neben einer ausführlichen Konversation zwischen Enwezor und Fosso Textbeiträge von Quentin Bajac, Yves Chatap, Elvira Dyangani Ose, Chika Okeke-Agulu, Oluremi C. Onabanjo, Terry Smith, Claire Staebler, James Thomas und Artur Walther. Das Fotobuch SIXSIXSIX zeigt alle sechshundertsechsundsechzig Selbstporträts von Fossos gleichnamigen Mammutprojekt aus dem Jahr 2015 und enthält neben einem Vorwort von Jean Marc Patras auch ein Interview mit dem Künstler von Hans Ulrich Obrist.

Samuel Fosso: Autoportrait wurde kuratiert von Oluremi C. Onabanjo. Die Ausstellung ist der Erinnerung an Okwui Enwezor (1963–2019) gewidmet.

SF 6195 Fosso SIXSIXSIX 2015 16 6
Samuel Fosso, "SIXSIXSIX", 2015

Die Selbstporträts von Samuel Fosso, dem Gewinner des 2018 Infinity Award for Art Photography des International Center for Photography (ICP), wurden in wegweisenden Ausstellungen gezeigt – darunter In/Sight: African Photographers, 1940 to the Present (1996) im Solomon R. Guggenheim Museum, New York; The Short Century: Independence and Liberation Movements in Africa, 1945–1994 (2001) in der Villa Stuck, München, und im MoMA PS1, New York; sowie Africa Remix: Contemporary Art of a Continent (2005) in der Hayward Gallery, London. Fosso gehört zu wichtigsten Positionen im Bestand von The Walther Collection. Seine Arbeiten waren Teil der Eröffnungsausstellung Events of the Self: Portraiture and Social Identity (2010), kuratiert von Okwui Enwezor. Fosso lebt und arbeitet in Lagos, Bangui und Paris und wird von der JM Patras Galerie vertreten.

Ausgestellte Werke

    Publikationen

    Diese Website verwendet Cookies. Mit dem Besuch der Seite erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen.