The Shadow Archive
An Investigation into Vernacular Portrait Photography

7.12.2017 - 31.3.2018

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Mit The Shadow Archive: An Investigation into Vernacular Portrait Photography präsentiert The Walther Collection den Auftakt zu "Imagining Everday Life: Aspects of Vernacular Photography", einer mehrjährigen Veranstaltungsreihe, die sich mit der Geschichte der vernakularen Fotografie beschäftigt. Über die Jahre von 2017 bis 2021 hinweg, erkundet "Imagining Everyday Life" anhand einer breiten Auswahl historischer und zeitgenössischer Aufnahmen die vielfältigen Gebrauchsweisen sowie die gesellschaftliche und historische Bedeutung der vernakularen Fotografie, um die Definition des Begriffs kritisch zu hinterfragen und den Umgang mit Bildern dieser Kategorie zu diskutieren. Das dazugehörige Programm umfasst fünf Themenausstellungen sowie ein im Herbst 2018 stattfindendes internationales wissenschaftliches Symposium in New York, und endet 2020 in einer groß angelegten, von Brian Wallis kuratierten Ausstellung in dem sammlungseigenen Museum von The Walther Collection in Neu-Ulm, zu der auch ein umfassender, gemeinsam mit dem Steidl Verlag herausgegebener Katalog erscheinen wird.

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Unbekannte Fotografen, Handwerker mit für ihre Berufe typischen Werkzeuge, ca. 1865–90

"Imagining Everday Life" liegt eine sehr weite Auffassung des Begriffs der vernakularen Fotografie zugrunde: Sie umfasst all jene fotografischen Aufnahmen, die von Einzelpersonen aus unterschiedlichsten Gründen in kommerziellen, administrativen oder privaten Kontexten gemacht wurden und nicht primär im Zusammenhang mit einer künstlerisch-ästhetischen Konzeption entstanden sind. Insofern tangiert die Veranstaltungsreihe einen Großteil der Kulturgeschichte seit 1839 und betrachtet dabei globale Entwicklungen, allerdings mit einem besonderen Fokus auf die Bildproduktion Südafrikas und der Vereinigten Staaten von Amerika.

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Unbekannter Fotograf, Landarbeiter, ca. 1980

Die Auftaktausstellung The Shadow Archive: An Investigation into Vernacular Portrait Photography präsentiert Porträtaufnahmen von den 1850er Jahren bis heute – darunter Daguerreotypien von Familien, aber auch moderne Farbaufnahmen von Landarbeitern mit Migrationshintergrund oder klassische Passbilder, die dazu dienten, Berufe, soziale Gruppen, körperliche Erscheinung oder politische Zugehörigkeit zu repräsentieren.

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Unbekannter Fotograf, [Display eines Daguerreotypisten], ca. 1850
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Unbekannte Fotografen, Dalley Family Register, ca. 1870
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Unbekannte Fotografen, Mansfield Family Record, ca. 1869

The Shadow Archive stellt Medien unterschiedlichster fotografischer Techniken vor: Etwa einen Bilderrahmen, der 16 Ferrotypien von Mitgliedern einer Familie umschließt und so eine Art visuellen Stammbaum formt, oder aber eine Gruppe von standarisierten Fahndungsfotos aus einem Gefängnisarchiv, das tausende solcher Aufnahmen umfasste. Darüber hinaus zeigt die Ausstellung eine Sequenz von medizinischen Aufnahmen einer französischen Patientin, die unter Hypnose die verschiedensten Emotionen durchlebt; eine Sammlung von achtzig, nahezu identischen Bildausweisen eines amerikanischen Unternehmens aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs; eine Rolle mit mehreren hundert Jahrbuchfotos einer High School im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten; sowie eine Reihe von Porträts aus einem ugandischen Fotostudio, aus denen die Gesichter allesamt ausgestanzt wurden.

Diese Ausstellung fragt: Können solche Bilder als Porträts betrachtet werden? Was verraten sie über die Modelle und ihre gesellschaftlichen Rollen? Und was erzählen sie uns heute über die Bedeutung von Fotografie und Repräsentation?

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Thomas Cunningham (attr.), Criminal Photographs, No. 19, ca. 1885

Die ausgestellten Bilder entstanden aus diversen Gründen, gemeinsam ist ihnen aber, dass die Fotografen keinen großen Wert auf ästhetische Originalität, stilistische Vielfalt oder fototechnische Feinheiten zu legen schienen. Sie alle replizieren die Darstellungskonventionen des klassischen Studioporträts ohne große Abwandlung. Und das aus einem bestimmten Grund: Im Kontext von Bürokratie und Verwaltung eignen sich diese Bilder durch ihren hohen Ähnlichkeitsgrad ideal für Vergleiche – wie etwa im Falle von Fahndungsfotos zur Identifizierung von Verdächtigen oder von Passbildern bei der Zuschreibung von Staats- oder Unternehmenszugehörigkeit. Die sozialen Rollen und Wertvorstellungen oder die politischen Überzeugungen der Modelle manifestieren sich teilweise in kaum erkennbaren Anzeichen von Widerstand, die durch geringfügige Änderungen der Haltung oder Geste sichtbar werden, und können im Rahmen solch standardisierter Aufnahmen weit interessanter als die Motive des Fotografen sein.

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Martina Bacigalupo, Gulu Real Art Studio, 2011–12

Diese Bilder haben wenig gemeinsam mit der bourgeoisen Definition des Porträts als ein in Ehren gehaltenes Andenkenbild oder gar als "Fenster zur Seele". Sie sind eher Bruchstücke aus dem, was der Theoretiker und Fotograf Allan Sekula als "Schattenarchiv" bezeichnete. Damit meinte Sekula "ein ganzes soziales Territorium", das sowohl Helden als auch Außenseiter umfasst, und "den Individuen darin einen Platz zuweist", also in dem jedes Porträt einen Platz als Teil einer moralischen Hierarchie einnimmt.

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Unbekannter Fotograf, Salpointe Catholic High School Class Portraits, ca. 1950–90

Die meist nicht identifizierten Personen, die in diesen Porträts oftmals unter Verweis auf ihre Arbeit und Beschäftigung abgebildet sind, erhalten ihre Bedeutung durch ihre fotografische Dokumentation. Innerhalb dieser in Serie aufgenommenen Fotografien verliert das Einzelbild an Bedeutung und gewinnt nur in Bezug zu den anderen Bildern der Serie und dem dadurch entstehenden inoffiziellen "Schattenarchiv" an Relevanz.

Ausgestellte Werke

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