16. September 2019

Dokumente des urbanen Wandels in China

  • Stl 347 Walthercollection Szetsungleong Wangjingxincheng Historyimages 2003

In China leben heute 94% der Bevölkerung im Osten, wo die großen und reichen Städte liegen. Noch in den frühen 1980er Jahren lebte ein Großteil der chinesischen Bevölkerung in ländlichen Regionen. Mit der fortschreitenden Industrialisierung und der damit zusammenhängenden Abwanderung in die Städte verödeten die anderen Teile des Landes allmählich und verwandelten sich in menschenleere Gegenden. Die rasante Urbanisierung war ein Resultat der Wirtschaftsreformen unter Deng Xiaoping (1904–1997). Sie sollte das Wachstum des Landes ankurbeln, deshalb wurde die Umgestaltung der Städte in industrielle Ballungsräume besonders in den 1990er Jahren von der Regierung forciert.

Der Wandel der urbanen Lebensräume ist ein wichtiges Thema in der chinesischen Kunst. Anstelle von Malerei nutzen heute viele Künstler*innen die Fotografie, um die Strukturen der modernen Megapolis darzustellen. Es scheint, als eigne sich dieses Medium besser als andere künstlerische Mittel, um die glatten Fassaden und die Dimensionen der riesigen Gebäude wiederzugeben.

Solche Bilder sind aber nicht neu: Schon immer beschäftigten sich Fotograf*innen mit dem Thema der Urbanisierung. Charles Marville (1813–1879) hielt zum Beispiel die Umgestaltung von Paris durch Georges-Eugène Haussmann fest, die der französische Lyriker Charles Baudelaire (1821–1867) folgendermaßen kommentierte:

"Die Stadt wird mir fremd vor lauter Veränderungen.
Ein Menschenherz ach! verändert sich nicht so schnell."

– Charles Baudelaire, "Der Schwan", Die Blumen des Bösens, 1857

  • VP 5032 Dutcher Harvey Chambers Street February16 1939


Mittlerweile gilt New York mit ihren schwindelerregenden Hochhausarchitekturen als Synonym der modernen Großstadt. Die Ansicht von Manhattan ist zum beliebten Postkarten- und Plakatmotiv verkommen. Sie ist gewöhnlich und banal geworden. Die Megapolis des 20. Jahrhunderts hat ihren Sensationscharakter eingebüßt, zumindest in den USA und in Europa – ganz anders als die chinesischen Großstädte, deren Bilder noch immer große Aufmerksamkeit erregen. Aber warum? Vielleicht sind es deren Dimensionen und weil sie uns dabei helfen zu verstehen, wie 27 Millionen Menschen in Shanghai oder 34 Millionen Menschen in Chongqing leben können.

Wie gelingt es diesen Bildern, unser Interesse zu wecken? Was denken chinesische Fotograf*innen über das neue Gesicht ihres Landes? Und welchen Platz nehmen solche Fotografien in The Walther Collection ein? Ein Vergleich der Werke des deutschen Fotografen Michael Wolf und den Arbeiten von chinesischen Fotografen aus dem Sammlungsbestand von The Walther Collection soll die Fragen nachfolgend näher untersuchen.

Michael Wolf, der im April 2019 verstorben ist, war kein Fremder in China: Er wohnte bereits seit 1994 in Hongkong und hat den Großteil seiner Karriere als professioneller Fotograf in Asien verbracht. Sein Interesse galt sowohl der Architektur der großen Städte als auch den Menschen, die in diesen Metropolen leben. Zum Beispiel geht die Serie "100 x 100" der Frage nach, wie es Menschen gelingt, sich an diese oft engen, hektischen und überfüllten Umgebungen anzupassen. "Tokyo Compression" stellt ebenso auf eindrucksvolle Art den fehlenden Platz in der Tokioter U-Bahn dar.

  • Michael Wolf China subway 2
  • Michael Wolf China subway 1

Auch viele chinesische Fotograf*innen haben das Thema der Urbanisierung behandelt. Einige der Künstler*innen, die in The Walther Collection vertreten sind, wohnen in verschiedenen Megastädten des Landes: Luo Yongjin und Xiang Liqing leben in Shanghai, Miao Xiaochun und Zhang Dali in Peking, Weng Fen und Yang Yong in Shenzen. Sie sind zwischen 44 und 59 Jahre alt und erlebten als junge Erwachsene den dramatischen Wandel dieser chinesischen Städte mit. Eine Ausnahme stellt Sze Tsung Leong dar, der außerhalb Chinas aufwuchs und heute in den USA lebt. Obwohl die Fotografen das gleiche Thema untersuchen, beschäftigt sich jeder von ihnen damit auf seine ganz eigene Art und Weise.

Um das Interesse des Betrachters zu wecken, wählen viele Fotografen ungewöhnliche Formate und Perspektiven. So sind etwa Panoramabilder üblich, um die Weite einer Stadt zu zeigen. Fotografien aus der Froschperspektive, die von unten nach oben aufgenommen werden, sind ebenfalls weit verbreitet. Beide Betrachtungswinkel ermöglichen es, die Gebäude in ihrer Gesamtheit zu zeigen und betonen die Dimensionen der Objekte. Sie erzeugen beim Betrachter den Eindruck, ein Liliputaner in Gullivers Welt zu sein.

  • Mcx 363 Walthercollection Miaoxiaochun Mirage 2004

Die Fotografien von Michael Wolf weichen von diesen bekannten Inszenierungsstrategien ab, da er nur einen Teil der Gebäude aufnimmt. Wolf blendet den Horizont aus, es scheint als wären die Gebäude endlos. Wer seine Fotografien betrachtet, spürt die klaustrophobische Enge der chinesischen Städte. Der Blick auf diese Gebäude ist hypnotisch: Leicht vergisst man, dass es sich um eine Stadt handelt, in der Millionen von Chines*innen leben. Die Struktur der Architektur steht absolut im Vordergrund, die Fenster scheinen so klein, dass sie wie bloße Löcher auf einer Betonfläche wirken und abstrahieren so den Wohnraum vieler Menschen zu einem grafischen Gebilde.

  • Michael Wolf China a28

Mit ihren Fotomontagen zeigen Xiang Liqing und Luo Yongjin, dass sich ein vollständiges Bild einer chinesischen Stadt nur in fiktiven Rekonstruktionen einfangen lässt. Für Rock Never 1 (2002) hat Xiang Liqing die Gebäude eines Armenviertels in Hangzhou, wo er selbst studiert und gelebt hat, digital übereinandergestapelt und so ein sehr hohes Bauwerk kreiert, das eigentlich nicht existiert. Luo Yongjin hingegen fotografierte die verschiedenen Bauphasen des Lotus Blocks (1998–2002) und vereinte die Bilder dann in einer einzigen Komposition, die eine Art Zeitraffer darstellt. Mit vier Metern Länge lässt sich das Raster aus 60 Einzelaufnahmen nicht auf einen Blick erfassen, was eine Parallele zur Unermesslichkeit der Stadt schafft.

  • LYJ 358 Walther Collection Luo Yongjin Lotus Block 1998 2002

Xiang Liquing's Rock Never 1 (2002) könnte durch die kräftigen Farben und das glatte und perfekte Aussehen der Fassaden eine Werbung für neue Häuser in chinesischen Städten sein. Doch nichts ist echt: Das Gebäude existiert nicht und mittels Bildmanipulation hat der Künstler die Fassaden mit Farbe versehen und auch die Balkone personalisiert. Tatsächlich kann sich aber jeder vorstellen, dass das Leben in chinesischen Städten alles andere als heiter ist. Ein weiteres Bild von Xiang Liqing mit dem Titel Grey (2000) ist ähnlich aufgebaut, zeigt jedoch alle Gebäude grau eingefärbt, um auf die Monotonie und Trübseligkeit des Großstadtalltags zu verweisen. Der Künstler stellt das Prinzip der Standardisierung von Wohnungen in Frage. Was hatten wohl die ersten Bewohner der Cite Radieuse von Le Corbusier nach dem zweiten Weltkrieg über dieses Wohnkonzept gedacht? Le Corbusiers Absicht war, vielen Menschen so schnell wie möglich eine Unterkunft zu bieten und China sieht sich heute mit einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert.

  • XLQ Xiang Liqing blog collage 72dpi

Auch Zhang Dali, ein berühmter Protagonist der chinesischen Streetart, beschäftigt sich auf einzigartige Weise mit dem Thema der urbanen Transformation. Indem er ein menschliches Profil an die Wände von zum Abriss freigegebenen Gebäuden sprüht und diese vereinzelt herausmeißeln lässt, stellt er über Durchblicke die alten und neue Architekturen einander gegenüber. Er fordert den Betrachter dazu auf, sich der Gefahr bewusst zu sein, dass mit diesen Gebäuden ein Stück der kulturellen Identität Chinas zerstört wird. Gleichzeitig ist die Zeichnung des Gesichts für den Künstler ein Mittel, um auf die menschlichen Tragödien im Zusammenhang mit Zwangsumsiedlungen zu verweisen und angesichts dieser Umbrüche eine Solidargemeinschaft zu schaffen sowie den entfremdenden Charakter der Megapolis zu betonen.

  • ZDL 380 Zhang Dali Demolition World Financial Beijing 1998 cropped
  • ZDL 378 Zhang Dali Demolition Forbidden City Beijing 1998 cropped

Diese Fotos sind häufig die letzten Spuren dieser Gebäude. Sie erinnern an die Fotoserie "Future Memories" (2009) des äthiopischen Fotografen Michael Tsegaye, der den baulichen Wandel der Metropole Addis Abeba dokumentiert hat, um Straßenszenen und Lebensräume festzuhalten, die bald der Vergangenheit angehören.

  • MT-4123.04_Tsegaye_Future Memories
  • Mt 4124 Walthercollection Tsegaye Michael Futurememories1

Die Zerstörung städtischer Strukturen hat in China Tradition. Hierzu erklärt Sze Tsung Nicolas Leong wie folgt: "In China, history has been defined by the successive erasures and rewritings of the past". Während des Kaiserreiches war es zum Beispiel üblich, dass gegnerische Dynastien neu eroberte Städte erst vollständig zerstörten, bevor sie sie neu errichteten. Während der Kulturrevolution wollte Mao die verbotene Stadt als Relikt eines vergangenen Herrschaftssystems niederreißen lassen. Vor dem Hintergrund der massiven Umgestaltung der chinesischen Städte in den letzten zwei Jahrzehnten haben all diese Ansichten, welche die Zerstörung alter und die Konstruktion neuer Strukturen festhalten, den Wert eines historischen Dokuments.

  • WF 371 Walther Collection Weng Fen Birds Eye View Shenzhen 2001

Deshalb sind diese Bilder wichtig: Sie vermitteln uns Einblicke in eine uns fremde Kultur und bezeugen eine Phase der Modernisierung und Industrialisierung, die in der westlichen Welt schon Vergangenheit ist. Weng Fens Aufnahme von zwei Schülerinnen, die in Ruhe eine moderne Stadtlandschaft bewundern, scheint eine Utopie darzustellen. Doch was können die beiden Mädchen dazu sagen? Sie sind zu jung, um die frühere Gestalt der chinesischen Städte zu kennen. Sind sie sich all der Umwälzungen bewusst, die der Bau einer solchen Stadt mit sich gebracht hat?

Der urbane Wandel in China ist eines der Themen der Ausstellung Then and Now: Life and Dreams Revisited, die noch bis zum 27. Oktober 2019 in Neu-Ulm gezeigt wird.

– Laura Weber


Wir danken Barbara Wolf für die freundliche Genehmigung, Michael Wolfs Fotografien für diesen Blogbeitrag verwenden zu dürfen. © Michael Wolf Archive and Estate.

2. September 2019

Zum amerikanischen Tag der Arbeit

  • RDR 6019 Ribble Minter Mine crop 1

Am ersten Montag im September zelebrieren die Amerikaner*innen jährlich den Tag der Arbeit – einen nationalen Feiertag, der die Errungenschaften und Leistungen der Arbeiter*innen der Vereinigten Staaten honoriert. Der Ursprung des Feiertags geht auf die Veränderungen durch die Industrielle Revolution und die Arbeiterbewegung im späten 19. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit setzte sich die moderne serielle Produktionsweise mit ihren mechanisierten, arbeitsteiligen Herstellungsprozessen durch. Diese konzentrierte sich auf Mühlen, Fabriken und Minen, in denen oft ungeregelte, gefährliche und ausbeuterische Arbeitsbedingungen herrschten.

Als Reaktion darauf organisierten sich Gewerkschaften, die für sichere Bedingungen, angemessene Arbeitszeiten und höhere Löhne für die Arbeiternehmer*innen kämpften. Der Acht-Stunden-Arbeitstag, zweitägige Wochenenden, Mindestlohn, einheitliche Sicherheitsvorschriften, Gesundheitsleistungen und die Versorgung bei Arbeitsunfällen, Pensionskassen sowie die Abschaffung der Kinderarbeit sind Ergebnisse ihrer kollektiven Bemühungen um Arbeitsrechte und Reformen. Darüber hinaus ist das Aufkommen des Klassenbewusstseins und die der Arbeiterbewegung innewohnende Tradition der Solidarität untrennbar mit den bürgerlichen Freiheiten, der sozialen Gerechtigkeit, der wirtschaftlichen Gleichheit und den Menschenrechtsbewegungen verbunden. Im Jahr 1894 wurde der "Labor Day" als gesetzlicher Feiertag eingeführt, um diese Errungenschaften und die Macht des gemeinschaftlichen Handelns zu ehren.

  • VP 3324 Rock Gold Coal Miners recto

Einige vernakulare Fotografien in den Beständen von The Walther Collection zeigen nordamerikanische Arbeiter. Verschiedene Gruppenaufnahmen zeigen Bergleute, die in einem für gewöhnlich sehr gefährlichen Umfeld arbeiteten und an der Spitze der organisierten Arbeiterbewegung standen. Eine Foto-Postkarte trägt den Titel "Fabrikarbeiter, Goldminenarbeiter": Über die abgebildeten Männer ist wenig bekannt, aber es handelt sich eindeutig um eine echte Foto-Postkarte (abgekürzt RPPC genannt). Dieses Druckverfahren ermöglichte es Hobbyfotografen, ihre Fotos direkt auf Postkartenpapier abzulichten. Bereits damals war die Rückseite für die Nachricht des Absenders und die Anschrift des Empfängers bestimmt. Da es bis 1907 verboten war, über Postkarten zu korrespondieren, wurde sie vermutlich in den nachfolgenden Jahren verschickt. Gleichzeitig lassen die "AZO"-Markierung für Briefmarken und der randabfallende Druck vermuten, dass sie aus der Zeit vor 1917 stammt.

Dargestellt sind achtundzwanzig Männer, die in abgetragenerArbeitskleidung Schulter an Schulter vor einer Miene stehen, in der laut Bildtitel kostbares Gold aus dem Gestein gewonnen wurde. Während ein paar wenige von ihnen lächelten, ließen sich die meisten mit versteinerter Miene und steifer Haltung verewigen. Die Bergleute für Hartgestein gehörten zu den ersten, die sich zum Beginn der Arbeiterbewegung in Gewerkschaften vereinten, darunter die radikale Western Federation of Miners, die für die Organisation von mehreren Streiks und ihre Zusammenstöße mit der Mine Owners Associationim späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bekannt wurde. Der Bundesverband der Bergleute kämpfte für den achtstündigen Arbeitstag, der nicht nur die Bedingungen für die Arbeiter verbesserte, sondern auch den Minenbetreibern half, Überproduktionen und damit verbundene Verluste zu vermeiden.

  • VP 3324 Rock Gold Coal Miners verso

Auch die Geschichte der Kohlearbeiter ist eng mit der Entstehung gewerkschaftlich organisierter Arbeit verbunden: die Coal Workers Union und die United Mine Workers of America gehören zu den ersten und ältesten Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten. Als während der Industriellen Revolution die Nachfrage nach Kohle stieg, wuchsen auch die Gewinne und der Wettbewerb. Kleinere Minenbetreiber wurden aufgekauft oder von größeren Unternehmen, die die Industrie dominierten, aus dem Geschäft gedrängt. Diese großen Firmen versuchten die Produktionskosten so niedrig wie möglich zu halten, was zu einer Reihe von Problemen und schlechten Bedingungen für die Arbeiterschaft und schließlich zur gewerkschaftlichen Organisation der Bergleute führte. Obwohl der Rohstoff Kohle für die damalige Gesellschaft von enormer Bedeutung war, war ihre Gewinnung mit großen Arbeitsrisiken, hohem Wettbewerb um Arbeitsplätze, regelmäßig sinkenden Löhnen und ausbeuterischen Umständen verbunden, da sich die Minenbesitzer einzig für ihre Gewinne interessierten. Die Gewerkschaften strebten nach mehr Sicherheit für die Arbeitnehmer, Tarifverhandlungsmacht und Schutz vor Ausbeutung durch Unternehmen, wie beispielsweise den zweifelhaften Praktiken der "firmeneigenen" Städte und Geschäfte. Auch sie verbesserten die Situation der Arbeiter durch mehrere großangelegte Streiks. Die gewerkschaftliche Organisation nahm während der gesamten Weltwirtschaftskrise weiter zu, insbesondere nach der Verabschiedung des National Recovery Actvon 1933, der die Rechte der Gewerkschaften schützte. Bald schlossen sich die Automobil-, Stahl- und Elektroindustrie sowie andere wichtige Wirtschaftszweige der organisierten Gewerkschaftsbildung an.

  • RDR 6019 Ribble Bellemead crop

Fast vier Jahrzehnte lang reiste der Fotograf Rufus Ribble durch die Kohlereviere im südlichen West Virginia und fotografierte Bergarbeiter, ihre Familien und die Städte. Ribble verwendete hauptsächlich eine Großbild-Kamera, die sich auf einem festen Stativ drehen ließ und so ein durchgehendes Panoramabild von bis zu 360 Grad aufnehmen konnte. Die zwei Gruppenbilder sind Ausschnitte von jeweils größeren Panoramabildern und ermöglichen eine detailliertere Ansicht der einzelnen Bergleute. Das erste Fotos stammt aus dem Jahr 1947 und zeigt eine Gruppe, die im Minter-Kohlebergwerk in West Virginia arbeitete: Afroamerikanische und weiße Arbeiter stehen stolz und aufrecht Seite an Seite. Ein zweites Foto aus dem Jahr 1952 zeigt ebenso eine Gruppe von Bergleuten unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die sich vor der Bellemead-Kohlemine in Sabine, West Virginia sowohl kniend als auch stehend vor der Kamera positioniert haben.

  • RDR 6019 Ribble Minter Mine Detail

Die Arbeiterbewegung setzte sich ins 20. Jahrhundert fort, erhöhte die Zahl ihrer Mitgliederund diversifizierte sich während der Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg. Eine Reihe von Mitarbeiterausweisen von G&G Precision Works, einem kleinen Hersteller von mechanischen Werkzeugen und Ersatzteilen mit Sitz in New York, enthält neben kleinen Schwarz-Weiß-Porträts auch den Namen, einige persönliche Informationen sowie einen Fingerabdruck der Mitarbeiter*innen. Die Ausweise stammen wahrscheinlich aus den 1940er Jahren und sind während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Die Ausweise führten außerdem den Staatsbürgerschaftsstatus der Mitarbeiter*innen an – eventuell eine Maßnahme aus Kriegszeiten, um das Unternehmen, das Auftragsarbeiten für die Regierung ausführte, vor Spionen und Saboteuren zu schützen. Obwohl G&G Precision eine sehr diverse Belegschaft beschäftigte, war ein erheblicher Prozentsatz der Mitarbeiter*innen entweder afroamerikanisch oder weiblich. Nach wie vor kämpften sie für faire Löhne und wurden häufig von qualifizierten Positionen ausgeschlossen. 1941 überzeugte der Gewerkschaftsführer A. Philip Randolph Präsident Roosevelt, ein Komitee für faire Beschäftigungsbedingungen einzurichten, dem auch afroamerikanische Arbeiter*innen angehörten. Bis zum Ende des Krieges führte diese Änderung zu einem Wachstum der afroamerikanischen Arbeiterschaft um 150 Prozent. Fortan kämpften Gewerkschaften wie der Congress of Industrial Organizations(CIO), die United Mine Workers of Americaund die United Automobile Workerfür die Rechte ihrer Mitglieder unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft.

  • VP 4141 09 Employee ID Cards
  • VP 414101 Employee ID Cards

Während des gesamten 20. Jahrhunderts setzten sich Frauen für die Gleichstellung der Geschlechter in der Arbeitswelt ein. Mit dem Verlust ihrer besser bezahlten Gewerkschaftsjobs nach dem Zweiten Weltkrieg, wechselten Millionen von Frauen von der Industrie in den Einzelhandel, das Gesundheitswesen, die Bildung und den Dienstleistungssektor mit relativ schlechten, unkontrollierten Arbeitsbedingungen. Durch die föderalen Antidiskriminierungsgesetze der frühen 1960er Jahre, das Fortbestehen gewerkschaftlicher Organisationen und den Druck der aufkommenden feministischen Bewegung sowie den Zusammenschluss mehrerer Frauengewerkschaften wurden jedoch Maßnahmen getroffen, um eine diskriminierungsfreie Einstellung und Beförderung, gleiche Bezahlung, bezahlten Familienurlaub, die Regelung gegen sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz und die Verfügbarkeit von Kinderbetreuung sicherzustellen. Die Erscheinungsformen der Arbeiterbewegung und der Arbeiterschaft sind vielfältig und komplex, sodass noch heute um die gleichen Rechte und Reformen gekämpft wird. Während die gewerkschaftlich geregelte Arbeit in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist, erinnert uns der "Labor Day" am ersten Montag im September daran, dass wir nach wie vor von den Errungenschaften der Arbeiterbewegung profitieren und ist eine Gelegenheit, unsere aktuellen Arbeitsbedingungen zu reflektieren.

– Ellen Enderle

24. Juni 2019

50 Jahre Christopher Street Day

Wie jedes Jahr im Juni werden aktuell in vielen Städten weltweit wieder Pride Paraden zelebriert. In Deutschland kennt man diese Paraden als "Christopher Street Day (CSD)". Der Name bezieht sich auf die Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village, in welcher sich bis heute das Stonewall Inn befindet. Vor dieser Bar kam es am 28. Juni 1969 zu heftigen Ausschreitungen zwischen der Polizei und einigen Aktivisten der Schwulen- und Lesbenbewegung. Das Stonewall Inn galt als Zufluchtsort für Angehörige der LGBTIQ-Szene, in dem sich Menschen mit ähnlichen Interessen treffen und austauschen konnten, ohne belästigt zu werden. Solche Bars waren jedoch gleichzeitig häufig Ziele von Polizei-Razzien. Nach damaliger Gesetzeslage hatte die Polizei das Recht, jeden in Gewahrsam zu nehmen, der nicht mindestens drei Kleidungsstücke trug, die seinem Geschlecht zugeordnet waren. An jenem Juniabend begannen die Besucher des Stonewall Inns sich gegen eine solche Razzia und den damit verbundenen Festnahmen zu wehren. In Erinnerung an diese Ereignisse gehen Angehörige der LGBTIQ-Szene bis heute auf die Straße, um für ihre Rechte zu kämpfen und Präsenz zu zeigen.

  • Terry Holiday Grid 1

Je nach Epoche und Kultur wurden gleichgeschlechtliche Beziehungen in der Vergangenheit sehr unterschiedlich bewertet, akzeptiert oder kritisiert. Während Homosexualität im antiken Griechenland unter bestimmten Voraussetzungen geduldet wurde, waren homosexuelle Handlungen im Mittelalter strikt untersagt und galten in Anlehnung an die biblischen Erzählungen über die Städte Sodom und Gomorra als Sünde.

In den Vereinigten Staaten von Amerika erließ man im 17. Jahrhundert erste Gesetze gegen Homosexualität, die fortan meist mit dem Absitzen einer längeren Haftstrafe und/oder das Verrichten von harter Arbeit geahndet wurde. Die Ausformulierung solcher Gesetze gegen Formen der sogenannten "Sodomie", das heißt gegen alle sexuellen Handlungen, die nicht zwischen Mann und Frau stattfinden, sowie die Festlegung des dafür vorgesehenen Strafmaßes war allerdings Sache jedes einzelnen amerikanischen Bundesstaates und somit von Fall zu Fall unterschiedlich. 1962 empfahl das Musterstrafgesetzbuch "Model Penal Code", dass die Staaten einvernehmliche sodomitische Handlungen aus ihrem Strafkatalog streichen, das Anbieten einer solchen Handlung aber weiterhin unter Strafe stehen sollte. Ab 1971 begannen vereinzelte Staaten derartige Gesetze außer Kraft zu setzen. Erst als 2003 aber der Gerichtsprozess John Geddes Lawrence und Tyron Garner gegen Texas von den Klägern gewonnen wurde, entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass die Gesetze gegen Sodomie in Amerika aufgehoben werden müssen.

  • Vp 3768 Walthercollection Unidentifiedphotographer Genderbenders 1950S

The Walther Collection besitzt zahlreiche Fotografien, die sich mit Themen der LGBTIQ-Gemeinschaft auseinandersetzen. Besonders spannend sind dabei die Fotografien der sogenannten vernakularen Sammlung. Hierbei handelt es sich um Bilder, die für private oder kommerzielle Zwecke entstanden sind und ursprünglich nicht für die öffentliche Zurschaustellung in Galerien und Museen konzipiert wurden. Da der rasante technische Fortschritt die Kamera immer benutzerfreundlicher machte, bot die Fotografie bereits kurze Zeit nach ihrer Erfindung im Jahr 1839 auch Laien neue kreative Ausdrucksmöglichkeiten. Fortan konnte jeder, ob Künstler oder Privatperson, dieses Medium auch dazu nutzen, um Kommentare zu gesellschaftlichen Verhaltensnormen oder konservativen Ansichten festzuhalten.

  • Bm 4582 02 Walthercollection Mizerbob Athleticmodelguild Showermodels Ca1970–80S
  • Bm 4582 19 Walthercollection Mizerbob Athleticmodelguild Showermodels Ca1970–80S

In einer Zeit, in der Homosexualität noch verboten war und unterdrückt wurde, leistete der amerikanische Fotograf Bob Mizer beispielsweise mit seinen Aufnahmen männlicher Homoerotik einen wichtigen Beitrag zur Formierung einer homosexuellen Gegenbewegung. Er gründete 1945 die "Athletic Model Guild", für die er junge muskulöse Männer für Aufnahmen castete und sie spärlich bekleidet posieren ließ. Allerdings wurde Mizer 1947 für das Handeln mit obszönen Fotografien für sechs Monate in Haft genommen. Nach seiner Freilassung fand er schnell einen neuen Weg, um seine Bilder zu publizieren. 1951 gründete er schließlich das Magazin Physique Pictorial, welches offiziell als Fitness Magazin fungierte, aber seine Abbildungen eigentlich an ein homosexuelles Publikum adressierte. Bis ins Jahr 1962 war der Abdruck kompletter Nacktaufnahmen von Männern in den USA verboten. Um den Schein zu wahren, orientierten sich die Posen seiner muskulösen Models und die Hintergründe an antiken Vorbildern, um so noch stärkere Bezüge zu den Themen "Fitness" und "Idealkörper" zu schaffen. Das Magazin Physique Pictorial war auch ein wichtiges Karrieresprungbrett für den Illustrator Tom of Finland und diente Künstlern wie Robert Mapplethorpe oder David Hockney als Inspirationsquelle.

  • VP-4586_Casa Susanna

Cross-Dressing stand ebenfalls lange Zeit unter Strafe und konnte nicht öffentlich praktiziert werden. Columbus, Ohio, war 1848 einer der ersten Staaten, der Gesetze erließ, welche es verboten, Kleidung zu tragen, die nicht dem jeweiligen Geschlecht entsprechen. 1863 führte Memphis, Tennessee, in Zeiten des Bürgerkrieges ein ähnliches Gesetz ein, um zu verhindern, dass sich Frauen als Männer verkleidet ins Militär einschleichen beziehungsweise sich Männer als Frauen ausgeben, um dem Militärdienst zu entgehen. Meistens betrafen solche gesetzlichen Einschränkungen bezüglich des Tragens von Kleidung des anderen Geschlechts aber nur Männer. Ab 1940 schränkte die nächste Welle von Gesetzeserlässen Cross-Dressing vor allem im öffentlichen Raum weiter ein. Selbst 2007 wurde in Delcambre, Louisiana, eine Verfügung erlassen, die statuierte, dass es nicht angemessen sei, sich in der Öffentlichkeit in der Kleidung des anderen Geschlechts zu zeigen. Erst zehn Jahre später wurde das Gesetz überarbeitet und untersagt seitdem nur noch das Tragen von zu tiefsitzender Kleidung ab einem Alter von 10 Jahren.

  • Vp 4558 06 Walthercollection Unidentifiedphotographer Dearmartin 1968
  • Vp 4558 11 Walthercollection Unidentifiedphotographer Dearmartin 1968

Ein Beispiel für Cross-Dressing in vernakularen Aufnahmen lässt sich in der Fotoserie Dear Martin aus dem Jahr 1968 finden, welche die neu gewonnenen Freiheiten im privaten Raum reflektieren. Sie zeigen einen Mann auf einem Hausdach, der in Unterwäsche und mit einer Sonnenbrille posiert. Es scheint als sei das Hausdach früher zum Sonnen genutzt worden, da der Zaun mit einem Sichtschutz versehen ist und über stark abgenutzte hölzerne Liegeflächen verfügt. Betrachtet man die Bilder genauer, wird deutlich, dass der Mann Damenunterwäsche trägt. Die stets sehr ähnliche Perspektive legt nahe, dass die Bilder mit Hilfe eines Stativs aufgenommen wurden. Ganz im Geheimen fanden diese Aufnahmen allerdings nicht statt – vom gegenüber liegendem Haus hätte man "Martin" bis zum Oberkörper gut sehen können. Vielleicht stellte dies einen gewissen Nervenkitzel für ihn dar, den er mit seiner Kamera dokumentiert hat.

  • Sf 135 Walthercollection Fossosamuel Lafemmeamericainelibereedesannees70 1997

Nicht nur in Amerika entstanden Aufnahmen, die mit Geschlecht und Identität spielen. Ein Beispiel für einen afrikanischen Künstler ist Samuel Fosso mit seiner Arbeit La femme américaine libérée des années 70 aus der Serie "Tati" (1997). Die Fotografien entstanden in dem Pariser Kaufhaus Tati, in dem Fosso sich ein Studio aufbauen und die dort angebotenen Kleider und Make-Up Artikel verwenden durfte. Samuel Fosso selbst äußerte sich wie folgt über seine Arbeit: "She's a dream. A dream that narrates slavery, segregation, and the desire to be free, to get revenge, to be independent from whites, from men, to be economically independent, to make a career for herself." (Schlinkert 2004: 51) Der Künstler möchte jedoch nicht ausschließlich queere Aufnahmen fertigen, sondern den geschaffenen Charakter – unabhängig von dessen Geschlecht – verkörpern und auf Film bannen. Ergänzend fügte der Kurator Okwui Enwezor hinzu, dass Fosso als einer der ersten Künstler Themen wie Männlichkeit, Geschlecht, Identität und Sexualität in Afrika kommentierte, was durch die Androgynität in seinen Darstellungen zum Ausdruck kommt.

  • RR-4528.11_Walther Collection_Rong Rong

Während in Afrika Kunstwerke, die sich mit Themen von Identität und Geschlecht auseinandersetzen, zwar gesellschaftliche Tabus aufzeigen und auf starke Diskriminierung verweisen, aber nicht unbedingt der Strafverfolgung unterliegen, sind solche Arbeiten in China häufig Opfer einer strengen Zensur und gegebenenfalls auch Anlass für rechtliche Konsequenzen. Das Geschlecht des Menschen ist in dieser konservativ geprägten Kultur ein starres binäres Konstrukt, in dem nur männlich oder nur weiblich existiert. So ist es kaum verwunderlich, dass Ma Liumings Performance-Arbeiten wie Fen-Ma Liuming's Lunch I von 1994 oder Fen-Ma Liuming Walks the Great Wall von 1998 heftige Reaktionen der chinesischen Behörden zur Folge hatten. Durch den Charakter Fen-Ma schuf der Künstler eine Art hybrides Zwischenwesen, das Merkmale beider Geschlechter in sich vereint und Aufsehen erregt. Beide der genannten Arbeiten sind in der aktuellen Ausstellung Then and Now: Life and Dreams Revisited in The Walther Collection in Neu-Ulm bis zum 27.10.2019 zu sehen.

– Susanna Schnelzer

13. Mai 2019

Über Mutterschaft und andere Mythen

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Am zweiten Sonntag im Mai feiert eine Vielzahl an Ländern Muttertag. Nicht nur am gestrigen Tag ist das ambivalente Thema der Mutterschaft allgegenwärtig. Der Begriff und seine Bedeutung werden gleichzeitig privat und öffentlich, persönlich und politisch verhandelt. Anstatt auf den Verband Deutscher Blumengeschäfte, der den Muttertag 1923 in Deutschland einführte, besinnen wir uns auf die amerikanische Frauenrechtlerin und ursprüngliche Initiantin Anna Jarvis, deren Bemühungen 1914 schließlich die Einführung des Muttertages in den Vereinigten Staaten veranlasste.

2013 zeigte The Walther Collection mit Distance and Desire: Encounters with the African Archive eine Ausstellung, die stereotypische Darstellungen von Afrikaner*innen kritisch beleuchtete – darunter auch das vielfach reproduzierte Bild "Zulu Mothers", das als Fotografie, Postkarte und Carte de Visite massenhaft in Europa zirkulierte. Die titelgebende Beschriftung einer solchen Postkarte markiert die fotografierten Frauen gleich in doppelter Weise: jeweils als Mutter und besonders als die andere Mutter, nämlich die afrikanische Mutter und schafft damit eine klare Abgrenzung zum westlichen Konzept von Mutterschaft.

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Die verwendete Technik des Gelatine- oder Kollodiumdrucks lässt vermuten, dass die Fotografie "Zulu Mothers" im späten 19. Jahrhundert entstand. Ansichtskarten mit afrikanischen Motiven bildeten dabei nur einen kleinen Teil des globalen Postkartenarchivs. Dennoch waren diese von Bedeutung: Das goldene Zeitalter der Postkartenproduktion und -distribution überschnitt sich zeitlich mit der Periode, in der die europäischen Kolonialmächte ihre administrativen Strukturen in ganz Afrika massiv ausbauten. Derartige afrikanische Postkarten reflektieren folglich die komplexen Beziehungen zwischen Fotograf*in und dem fotografierten Subjekt sowie zwischen Motiv und Betrachter*in. Sie erzählen von der kolonialen Eroberung und ökonomischen Ausbeutung Afrikas. Während ein Teil der Aufnahmen Landschaften, urbane Architekturen und industriellen Fortschritt zeigt, lag ein Schwerpunkt der afrikanischen Postkartenproduktion auf der Darstellung von Ethnizität und Rassifizierung, die Afrikaner*innen als das Andere, das Fremde und das Exotische visualisierte und inszenierte. Von solcher Art ist auch der vorliegende Fotodruck.

Anhand der Kleidung und Frisuren identifizierte Christraud M. Geary die Frauen als Mitgliederinnen der Bhaca, einer Zulu-sprechenden Gruppe aus dem Süden der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal. Die arrangierte Pose, die die beiden Frauen im Ganzkörperprofil zeigt, erlaubt eine optimale Sicht auf die ledernen Tragetücher, mit welchen die beiden Mütter ihre Kinder auf den Rücken gebunden haben. Es gilt als das am weitesten verbreitete Motiv Südafrikas und war insbesondere bei europäischer Kundschaft beliebt. Die Entwicklung genau von diesem Bildmotiv zur Bildikone, erklärt Geary damit, dass in der Aufnahme Motive des Eigenen und Anderen verknüpft werden. Nämlich das im Westen verbreitete Konzept von Mutterschaft mit dem Bild des westlichen Stereotyps der afrikanischen Mutter, die ihr Kind direkt am Leib trägt. Nicht zuletzt durch die Bildinschrift werden die Frauen als Zulu und Zulu Mütter – um die berühmten Worte des radikalen Psychiaters und Kolonialismuskritikers Frantz Fanon zu verwenden – "gefangen, fixiert und entleert": als archetypische Repräsentantinnen eines afrikanischen Stammes, als zeitlose sowie statische Vorstellung der Zulu Mutter und schrieben sich so in das kollektive Gedächtnis der zumeist westlichen Betrachtenden ein. Solche und ähnliche Bildpostkarten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts speicherten demnach nicht nur Bilder unterdrückter und stereotypisierter afrikanischer Frauen, sondern trugen zeitgleich zur Verbreitung und Festigung rassistischer und sexistischer Weltbilder bei und wurden deshalb innerhalb von postkolonialen und feministischen Diskursen stark kritisiert.

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Prozesse der Stereotypisierung der Frau und ihrer Rolle in der Gesellschaft spannen sich über Raum und Zeit bis in die Gegenwart hinein. Noch immer ist das Thema Mutterschaft von einseitigen und mystischen Vorstellungen geprägt, die durch Jahrhunderte alte tradierte Rollenbilder und ihre Verwobenheit mit anderen sozialen Kategorien wie Geschlecht, Klasse und Rasse kaum zu entlarven scheint. So wurde etwa Sheila Hetis in den Medien viel beachteter autofiktionaler Roman Mutterschaft seit seiner Erstveröffentlichung 2018 bereits in über 15 Sprachen übersetzt und ist im Februar 2019 in deutscher Übersetzung erschienen. Die namenlose, weiße, fast 40-jährige Ich-Erzählerin kämpft nicht nur mit der sehr persönlichen Frage, ob sie ein Kind bekommen will oder nicht, sondern ringt auch mit dem weit verbreiteten Mythos, der Mutterschaft als das Narrativ definiert, an welches die Frau gebunden ist. Die Protagonistin beschreibt: "Ich weiß, dass eine Frau, die das Muttersein ablehnt, das Allerwichtigste ablehnt, und damit zur unwichtigsten Frau wird. Und doch sind auch Mütter nicht wichtig. Niemand von uns ist wichtig." Das hier verwendete "uns" meint alle Frauen unabhängig von Herkunft und Status.

Das Zitat verweist auf die brisante Diskussion über den Wert von Frauen und Müttern in der heutigen Gesellschaft und problematisiert damit jenen Aspekt von Mutterschaft, der mit einer Art von Arbeit verknüpft ist, die zum größten Teil von Frauen und Müttern geleistet wird: unsichtbare sowie unbezahlte Haushalts- und Sorgearbeit meist im Bereich des Privaten, der Familie. Die Theologin und Ethikerin Ina Praetorius fordert deshalb stärkere Sichtbarmachung und Wertschätzung der Haushalts- und Sorgearbeit innerhalb der Gesellschaft. Den Ursprung der Geringschätzung der sogenannten Care-Arbeit sieht die Mitgründerin des Vereins Wirtschaft ist Care (WiC) bereits in der etymologischen Herkunft des Begriffs "Familie", der vom Lateinischen famulus stammt und "Diener" bedeutet. Frauen und Kinder galten rechtlich lange als Besitz des Mannes und die Arbeit, die zu Hause verrichtet wurde, zählte folglich nicht zu formeller Arbeit.

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In vielen Ländern sind Ansätze zur Umsetzung von Gleichstellung zwischen den Geschlechtern per Gesetz vorgeschrieben. Die aktuelle Studie Frauen, Wirtschaft und das Gesetz 2019: Ein Jahrzehnt Reformen der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) betont jedoch, dass die rechtliche Situation in nur sechs Staaten weltweit Frauen absolute Gleichberechtigung vor dem Gesetz garantiert – das sind Schweden, Belgien, Dänemark, Frankreich, Lettland und Luxemburg. Doch selbst gesetzlich verankerte - und damit theoretische - Chancengleichheit genügt nicht zur praktischen Umsetzung einer faktischen Gleichheit zwischen den Geschlechtern. In Bezug auf Deutschland bemängelt die Studie besonders den weit auseinanderklaffenden Gender Pay Gap und Gender Care Gap. Laut dem Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2018 verrichten Frauen in Deutschland im Durchschnitt 52.4 Prozent beziehungsweise täglich 1 Stunde und 27 Minuten mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer. Der Gender Care Gap bei Müttern, die zur Kategorie heterosexuelle Paare mit Kindern gehören, beträgt sogar 83.8 Prozent – eine Differenz, die besonders auf politischer Ebene nicht länger ignoriert werden kann und darf. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bestätigt, dass das Ziel der Gleichstellung im Alltag noch nicht erreicht ist. Hauptziele der Gleichstellungspolitik sind folglich einerseits eine Aufwertung der Haushalts- und Sorgearbeit und andererseits eine Reformation der Rahmenbedingungen, die zurzeit die Vereinbarung von Erwerbsarbeit und informeller Sorgearbeit – nicht nur für Mütter sondern auch für Väter – erschweren.

In Anbetracht solcher Zahlen zaubern Blumen nur ein kurzweiliges Lächeln in die Gesichter unserer Mütter. Es ist wichtig daran zu erinnern, daß Mutterschaft keine universale Kategorie bildet: Weder die Frau noch die Mutter existieren als solche. Je nach Zeit und Kultur wird diese unterschiedlich gelebt – und gefeiert. In diesem Sinn: Ein Hoch auf die Sichtbarmachung und Wertschätzung unterschiedlicher Geschichten von Mutterschaft!

– Livia Wermuth

1. April 2019

Sabelo Mlangeni: "Portraying the Outsider"

  • SMl-4614.05_Mlangeni_Black Men In Dress

Der gestrige International Transgender Day of Visibility findet jährlich am 31. März statt, um Transgender-Menschen zu würdigen und zu feiern. Der Begriff Transgender setzt sich aus dem Lateinischen trans (jenseits) und dem Englischen gender (soziales Geschlecht) zusammen. Er beschreibt damit Personen, die sich nicht oder nicht nur mit dem biologischen sowie sozialen Geschlecht, welches ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde, identifizieren. Die Sensibilisierung und Sichtbarmachung der weltweiten Diskriminierung von Transgender-Menschen ist bis zum heutigen Tag notwendig.

Künstlerische Ausdrucksformen, die sich Themen der Diversität widmen, müssen als effektive alternative Stimmen betrachtet und genutzt werden, um auf die Rechte von Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Transsexual, Queer und Intersex Life (LGBTQI) aufmerksam zu machen. Eine dieser Stimmen ist jene von Sabelo Mlangeni. Der 1980 in Südafrika geborene Fotograf beschreibt seine Arbeitsweise wie folgt: "When I work I'm always mindful of the stereotyping that South Africa — and Africa in general — is often subject to in art and the media. […] I try to bring another aspect to my country and my continent, by portraying the outsider, those people who aren't usually given a voice."

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Am 20. März lancierte die International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) die 13. Ausgabe ihres Berichts State-Sponsored Homophobia. Dieser fasst Daten zu LGBTQI-Rechten weltweit zusammen und versteht sich als Werkzeug im Kampf um Gleichstellung und Inklusion. Dessen Autor Lucas Ramón Mendos betont, dass in 70 UN-Mitgliedsstaaten sexuelle Handlungen zwischen Menschen des gleichen biologischen Geschlechts kriminalisiert werden. In 44 dieser Staaten wird in der Anwendung der Gesetze das soziale Geschlecht der Betroffenen nicht berücksichtigt. Davon erheben 6 Staaten auf die genannten Handlungen die Todesstrafe. In weiteren 5 Staaten ist diese Strafmaßnahme zumindest technisch immer noch möglich. Bis heute wird in 32 Staaten die Freiheit der Äußerung von Themen bezüglich der Geschlechteridentität und der sexuellen Orientierung gesetzlich eingeschränkt. Erst letzte Woche beschloss das Sultanat Brunei eine drastische Gesetzesänderung: auf Grundlage der Scharia droht Homosexuellen die Todesstrafe durch Steinigung.

Aus dem Bericht der ILGA geht hervor, dass die Lage von LGBTQI-Rechten auf dem afrikanischen Kontinent besonders prekär ist. Offiziell gilt Südafrika als liberalstes Land Afrikas: Homosexuelle haben dort per Verfassung die gleichen Grundrechte, seit 2006 ist auch die gleichgeschlechtliche Ehe legal. Dieser Legalisierungsprozess führte jedoch nicht automatisch zu sozialer Akzeptanz und Integration. Südafrikanische LGBTQI-Menschen sind immer noch transphober und homophober Gewalt sowie sozialer Stigmatisierung ausgesetzt.

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Mlangeni thematisiert in seinen Werken die Unsichtbarkeit bzw. Sichtbarkeit von Minderheiten, die Politik des Blicks, sowie neue Ideen von Gemeinschaft und Nationalität. Dabei nutzt er das Medium der Fotografie zur Repräsentation komplexer menschlicher Erfahrungen. Er kritisiert, dass viele Afrikaner*innen die Existenz der LGBTQI-Gemeinschaft negieren oder diese als nicht-Afrikanisch definieren.

2016 zeigte The Walther Collection in der Ausstellung Close to Home: New Photography from Africa sechs Schwarzweißfotografien von Mlangenis Serie Black Men in Dress. Die Aufnahmen entstanden 2010 und 2011 während der Schwulen- und Lesbenparade Pride in Johannesburg und Soweto. Die jährlich in verschiedenen Ländern weltweit stattfindende Veranstaltung fordert Freiheit, Individualität sowie fundamentale Grundrechte für alle Menschen – unabhängig von ihrer Geschlechteridentifikation und sexuellen Orientierung.

Die Serie erinnert den Künstler an seine eigene Kindheit: "Most communities had what we call 'uSis'bhuti'. This is a term used to describe a boy who behaves like a girl. Why then do we hate these boys when they have grown up to be men who dress as women? Why do we turn and call them names, pretending that we've never seen it?" Dabei widerspricht gerade die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen für den Fotografen posieren der in vielen afrikanischen Ländern weit verbreiteten Meinung, dass Homosexualität nicht-Afrikanisch, sondern ein Import aus dem Westen sei. Der Künstler konfrontiert nicht nur seine eigene Gesellschaft, sondern auch die westliche mit dem vorherrschenden, stereotypisierten Image afrikanischer Identität. Die eindrücklichen Porträts zeugen von Stolz, Mut, Schönheit und Stil. Die Kuratorin Hansi Momodu-Gordon beschreibt die Serie als Erinnerung "of the possibility of beauty in the midst of the mundane, and of gender identities that refuse to fall neatly one way or the other." Die Wahl des Mediums der Schwarzweißfotografie führt zur Reduktion der grellen Farben und Kostüme, die allgemein mit Bildern der Pride assoziiert werden. Der Künstler verschiebt dadurch den Fokus auf die starken, oft eine S-Linie formenden Posen seiner Modelle sowie auf das Ziel dieser Veranstaltung: Die Umschreibung des Outsiders in einen Insider.

– Livia Wermuth

8. März 2019

Zanele Muholi: Faces and Phases

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Der internationale Weltfrauentag erinnert heute sowohl an die Erfolge der weltweiten Frauenbewegung seit der Einführung dieses Feiertages, verweist aber auch auf die noch immer herrschende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Frauen sind häufiger von Altersarmut betroffen als Männer, werden öfter Opfer von häuslicher Gewalt, erhalten durchschnittlich weniger Gehalt bei gleicher Leistung und haben seltener Führungspositionen inne als Männer.

Wir nutzen den Tag, um eine weibliche Fotografin zu feiern, die sich selbst als "visuelle Aktivistin" bezeichnet. Zanele Muholi setzt sich mit ihrer Arbeit ganz allgemein für die Rechte der Frau und im Besonderen für die Gleichstellung der schwarzen Lesben und Transgender in Südafrika ein.

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Obwohl die südafrikanische Verfassung allen Bürger*innen die gleichen Rechte garantiert und die gleichgeschlechtliche Ehe gestattet, werden diese Grundsätze im Handeln der Regierung kaum umgesetzt. 2011 berichtete Human Rights Watch, dass die weit verbreitete Diskriminierung und die tief in der Gesellschaft verankerten Geschlechtervorstellungen häufig zu körperlicher und sexueller Gewalt gegenüber Schwulen, Lesben und Transgender führen. In ihrer 2006 begonnenen, aus Schwarz-Weiß-Fotografien bestehenden Serie "Faces and Phases" porträtiert Muholi mit großem Einfühlungsvermögen und Gespür für Intimität schwarze Queers und Transgender aus verschiedenen Orten Südafrikas und mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Auf der Grundlage des seriellen Porträtformats hat Muholi eine "Wall of Fame" geschaffen, um jenen Menschen Achtung zu zollen, die von ihrer Gesellschaft als gesichtslose Gruppe verunglimpft werden. "Was anfangs ein rein visuelles Projekt war, schuf schließlich ein beispielloses Archiv von Fotografien für meine Community und unser Land. Ich wollte eine Lücke in Südafrikas visueller Geschichte schließen, die selbst zehn Jahre nach dem Sturz der Apartheid unsere Existenz völlig ausschloss", erklärte Muholi im Vorwort des 2014 von The Walther Collection und dem Steidl Verlag gemeinsam herausgegebenen Fotobuches zu Faces and Phases.

  • Za M-959_Muholi Zanele_IDCrisis
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"Ich habe den Weg eines visuellen Aktivismus eingeschlagen, um sicherzustellen, dass es eine Sichtbarkeit für schwarze Lesben und Transgender gibt, um unsere Existenz und unseren Widerstand in dieser demokratischen Gesellschaft deutlich zu machen und um ein positives Bild von schwarzen Lesben zu schaffen", sagt Muholi. "Die Porträts ehren Freunde und Bekannte mit unterschiedlichen Positionen und Rollen in schwarzen queeren Gemeinschaften – darunter eine Schauspielerin, Sportler*innen, Fußballspieler*innen, eine Wissenschaftlerin, kulturelle Aktivist*innen, Tänzer*innen, Filmemacher*innen, Schriftsteller*innen, Fotograf*innen, Menschenrechts- und Genderaktivist*innen, Mütter, Liebhaber*innen, Omas, Freundinnen, Schwestern, Brüder, Töchter, Tanten, Onkel, Nichten, Neffen und Söhne."

25. Februar 2019

"Mistaken Identities" Highlight: Actresses on Television Screens

Während wir noch die Nominierten und die Gewinnerinnen und Gewinner der gestrigen Oscar-Verleihung feiern, möchten wir die Gelegenheit nutzen, hier eine Serie aus unseren Beständen vorzustellen, die ein Schlaglicht auf die teils extreme Verehrung berühmter Filmikonen wirft. In über 900 Bildern zeichnete in den späten 1960er Jahren ein Fernsehzuschauer in obsessiver Weise die TV-Auftritte weiblicher Hollywood-Stars auf – neun davon befinden sich im Besitz von The Walther Collection und waren Teil der Ausstellung Mistaken Identities: Images of Gender and Transformation.

  • Vp 3522 Walthercollection Unidentifiedphotographer Type42Glamourportraits Ca1950–70S

Auf dem weißen Rand der als "Type 42" bekannten Polaroid-Aufnahmen ist der Namen der jeweiligen Schauspielerin in krakeliger Druckschrift vermerkt, sowie in manchen Fällen auch der Titel des Films und Angaben zu den Körpermaßen der Darstellerin. Die Kunsthistorikerin Jenevive Nykolak kommentierte die Praktik folgendermaßen: "Die umfassende Bestandsaufnahme von weiblichen Rollenbildern, die jenes Archiv enthält, gewährt einen Einblick in das thematische Repertoire der Popkultur jener Zeit. Über verschiedene Altersgruppen, ethnische Zugehörigkeiten und Filmgenre hinweg, zeigen die Bilder bekannte Filmgrößen wie Kim Basinger, Dionne Warwick, Ava Gardner und Mia Farrow sowie vergessene Kultfiguren, häufig aus Science Fiction und Low Budget-Produktionen, was Rückschlüsse auf den Geschmack des Fotografen erlaubt. Was ihn antreibt und welche Sehnsüchte seinen Blick leiten, kann man nur mutmaßen – deutlich wird nur die Obsession, die dahinter steht".

Fünf der neun hier abgelichteten Schauspielerinnen gehören zu jenem Kreis von Filmstars, die schon einmal für einen Oscar nominiert waren. Zwei davon – Elisabeth Taylor (1961 und 1967) und Faye Dunaway (1977) – erhielten den renommierten Filmpreis tatsächlich.

18. Februar 2019

"Destruction and Transformation" Highlight: William Christenberrys "The Underground Club"

  • Wc 419 Christenberrywilliam Theundergroundclub 1967 Print Copy

William Christenberry wurde in Tuscaloosa, Alabama, geboren, nur unweit von Hale County – der Gegend, die durch Walker Evans und James Agees 1941 in Buchform erschienener Dokumentation Let Us Now Praise Famous Men (Preisen will ich die großen Männer) bekannt geworden war. Auch Christenberry beschäftigt sich zeit seines Lebens mit dieser Gegend. Ursprünglich als Maler ausgebildet, interessierte ihn die ländliche Gegend Hale Countys zunächst nur als Vorlage für seine Bilder. Mit einer Kodak Brownie fotografierte er hauptsächlich Kirchen, Läden, Lagerhäuser und andere Beispiele von banaler Alltagsarchitektur.

  • WC-419_Christenberry_The Underground Club

Die mangelnde Bildschärfe des Apparats und die verschwommenen Farben der Abzüge verliehen seinen ersten Fotos etwas Distanziertes, Flächiges. 1961 lernte Christenberry in New York, wo er mittlerweile wohnte und im Archiv von Time Life arbeitete, Evans kennen, der damals für Fortune tätig war. Evans erkannte in den Schnappschüssen des jungen Künstlers einen ganz eigenen Blick und ermunterte ihn, mit dem Fotografieren weiterzumachen. Auch als Christenberry eine zunehmend aufwändigere Ausrüstung benutzte, schließlich eine 8x10-Zoll-Plattenkamera, blieb er seiner sensiblen und zugleich objektiven Darstellungsweise der Landschaften der Südstaaten und ihrer Alltagsarchitektur treu. Sein Anliegen war es seit jeher, den Strukturwandel von Hale County festzuhalten. Für The Underground Club fotografierte Christenberry über einen Zeitraum von 34 Jahren dasselbe unscheinbare Gebäude und zeigt dessen Wandlung von einem Laden in ein Nachtlokal.

The Underground Club ist Teil der aktuellen Ausstellung des The Walther Collection Project Space in New York. Destruction and Transformation: Vernacular Photography and the Built Environment untersucht die bedeutende Rolle der vernakularen Fotografie bei der Dokumentation des öffentlichen Raumes sowie den kontinuierlichen Wandel moderner Topographien und ist noch bis 25. Mai 2019 geöffnet.

21. Januar 2019

Samuel Fossos Hommage an Martin Luther King

Wie in jedem Jahr wird heute, am dritten Montag im Januar, der Martin Luther King Day in den USA begangen und damit dem berühmten Bürgerrechtler gedacht, der mit seiner "I Have a Dream" Rede weltweite Bekanntheit erlangt hat. Zahlreiche Bücher, Filme und Kunstwerke erinnern an King und seine große Bedeutung im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung der afroamerikanischen Bevölkerung sowie die politische Praxis der Rassentrennung – darunter auch zwei Fotografien des in Kamerun geborenen Künstlers Samuel Fosso, die sich in den Beständen von The Walther Collection befinden.

  • Sf 590 06 Walthercollection Fossosamuel Africanspirits Self Portrait 2008

Die beiden Aufnahmen sind Teil der Serie "African Spirits" (2008), in der Fosso bekannte Porträts von 13 Ikonen der pan-afrikanischen Befreiungsbewegung und afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in Selbstporträts reinszeniert. Aktuell zeigt The Walther Collection sieben Bilder in der Ausstellung Structures of Identity in der Fundación Foto Colectania in Barcelona.

Fossos künstlerisches Konzept, den eigenen Körper als Projektionsfläche zu nutzen, durchzieht sein gesamtes Werk und ist gleichermaßen ein spielerischer Akt als auch eine Geste großer Ernsthaftigkeit. Von Anfang an prägten autobiografische Erfahrungen seine Arbeit: Der 1962 geborene Sohn nigerianischer Eltern wuchs in Zeiten des nigerianischen Bürgerkrieges auf und litt in Kindheitstagen an Lähmungserscheinungen, weshalb seine Mutter aus Scham keine Fotos ihres Babys aufnehmen ließ. Der Kunsthistoriker Chika Okeke-Agula sieht darin eine wichtige Antriebsfeder für Fossos frühe Selbstporträts, die seiner Meinung nach als eine Form der "radikalen Selbstbestätigung" gelesen werden können, als "Triumph über diese schmerzhafte Vergangenheit". Auch "African Spirits" widmet sich der Aufarbeitung von Geschichte, wie Samuel Fosso in einem Interview erläuterte: "Ich musste ihnen Tribut zollen, weil sie uns gewissermaßen befreit haben, und wollte ihnen ihren Platz in der Geschichte sichern, damit sich unsere Kinder noch daran erinnern können, was in der Vergangenheit geschehen ist und was heute noch passiert".

Zu der Gruppe herausragender Persönlichkeiten, von denen Fosso spricht, zählen Politiker, Sportler, Aktivisten und Künstler wie Aimé Césaire, Patrice Lumumba, Nelson Mandela, Miles Davis, Haile Selassie, Malcolm X, Kwame Nkrumah, Léopold Sédar Senghor, Seydou Keïta, Muhammad Ali, Angela Davis, Tommie Smith und eben Martin Luther King, Jr. – er erscheint in "African Spirits" gleich zweimal.

  • Sf Walthercollection Samuelfosso Africanspirits 2008 72Dpi

Die beiden Selbstporträts zitieren Schlüsselszenen aus dem Leben Martin Luther Kings. Eins der Bilder stellt das berühmte polizeidienstliche Erfassungsfoto des damals erst 27-Jährigen nach, das im Zuge der Verhaftung Kings am 2. Februar 1956 aufgenommen worden war. Nach der Festnahme der Afroamerikanerin Rosa Parks im Dezember 1955 führte King den berühmten Montgomery Busboykott an, eine der wichtigsten Aktionen des gewaltlosen Protests der sich formierenden Bürgerrechtsbewegung. Um den heftigen Widerstand der Schwarzen einzuschüchtern, nahm man King fest. Diese ließen sich jedoch nicht in ihrem "zivilen Ungehorsam" entmutigen: Nach einem Jahr des Protests wurde die Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehr endlich aufgehoben.

Die zweite Darstellung von Martin Luther King bezieht sich auf ein Pressebild, das während der "I Have A Dream" Rede im Jahr 1963 in Washington, D.C. entstanden war. Mit über 250 000 Teilnehmenden war dieser Marsch die bis dato größte Menschenrechtsdemonstration der Geschichte.

Samuel Fosso geht bei der Nachstellung dieser Fotografien mit akribischer Genauigkeit vor. Seine Reinszenierungen stimmen bis ins kleinste Detail mit den Originalbildern überein: Der Ausschnitt, das Licht, die Kleidung, die Pose sowie die Mimik sind nahezu identisch. Fosso sieht seinem Idol zum Verwechseln ähnlich und verewigt so zwei Momente, deren visuelle Abbilder fest im kollektiven Gedächtnis verankert und längst Teil der Popkultur geworden sind.

  • Sf 590 11 Walthercollection Fossosamuel Africanspirits Self Portrait 2008

Während der letzten vier Jahrzehnte entwickelte sich Fosso zu einem Meister der fotografischen Selbstinszenierung. Sein Werk ist ein beeindruckendes Archiv von Typen, Charakteren und Persönlichkeiten, die allesamt das Format des Selbstporträts in seiner Funktion, das Selbst darzustellen, sowohl nutzen als auch in Frage stellen. Fossos Oevure beschäftigt sich mit Darstellungen des Selbst, des Köpers und Fragen der Identität, einer Auseinandersetzung mit postkolonialer Geschichte sowie der Produktion von ikonischen Bildern. Seine Bilder fordern den Betrachter auf, Fotografien als etwas sehr Persönliches, sogar Intimes, gleichzeitig aber als Produkt eines bestimmten historischen Kontextes, beeinflusst von Zeit und Raum, zu verstehen.

The Walther Collection freut sich, im Sommer 2019 in Kooperation mit dem Steidl Verlag eine umfassende Monographie über das fotografische Werk von Samuel Fosso herauszugeben.

– Julian Cosma & Henriette Kriese

14. Januar 2019

"Scrapbook Love Story" Highlight: Die Selbstdokumentation einer unbekannten Französin

  • Vp 5672 Walthercollection Unidentifiedphotographer Frenchwomanthroughtheyears 03

Viele der in Scrapbook Love Story: Memory and the Vernacular Photo Album ausgestellten Fotoalben gewähren intime Einblicke in das Leben der darin abgebildeten Personen. Sei es Richard Hicks Bowmans Album voller Andenken an seinen Militärdienst in der US-Armee während des Zweiten Weltkrieges, oder die sehr farbenfroh gestaltete und mit "Fun with the Girls" betitelte Dokumentation einer Übersee-Reise von vier Freundinnen aus den frühen 1970er Jahren – all diese Alben reflektieren, dass sich ihre Macher sehr bewusst damit auseinandergesetzt haben, wie sie ihr Leben für sich selbst und andere in Szene setzen und erinnern wollten. In der Ausstellung befindet sich auch ein kleinformatiges Album, das durch seine sehr eigenwillige Art des persönlichen Gedenkens aus der Gesamtheit aller Exponate heraussticht.

  • Vp 5672 Walthercollection Frenchwoman

In einer Vielzahl von nahezu identischen, in einem Fotoautomaten gemachten Selbstporträts zeigt es eine nicht näher bekannte Französin beim Älterwerden über mehrere Jahrzehnte hinweg. Mit erstaunlicher Präzision und Beständigkeit ließ sich die Autorin des Albums ab 1928 in regelmäßigen Abständen in den immer gleichen Posen und Perspektiven ablichten, um stets dasselbe Set von Bildern zu erhalten: jeweils ein Profilbild der linken und rechten Gesichtshälfte, eine Frontalaufnahme, sowie eine Ansicht mit leicht gedrehtem und nach oben geneigtem Kopf. Dank dieser sehr strengen Selbstinszenierung lassen sich die altersbedingten Veränderungen wie die Schärfung ihrer Gesichtszüge, aber auch ihr über die Jahre gleichbleibendes, immer leicht mysteriöses Lächeln gut nachvollziehen. Ebenfalls unverändert bleibt ihre stets gut frisierte und modisch gekleidete Erscheinung, die den Betrachter erahnen lässt, dass das regelmäßige Aufsuchen des Fotoautomaten für die Frau ein wichtiges Ereignis darstellte und vielleicht in dem Bewusstsein geschah, einen bestimmten Moment für die Nachwelt festzuhalten. Im gesamten Album gibt es nur ein Bild, das von diesem Muster abweicht, und zwar ein etwas flüchtiges Porträt, das die Französin in der Krankenschwestern-Uniform des Roten Kreuzes zeigt, aufgenommen im Jahr 1943 in Algerien.

  • Vp 5672 Walthercollection Unidentifiedphotographer Frenchwomanthroughtheyears 08

Zudem tauchen nur vereinzelt andere Personen im Album auf. In der Fotoserie aus dem Jahr 1933 posiert sie neben einem Mann, zu dem sie vermutlich ein inniges Verhältnis hatte. In einer späteren, nicht genauer datierten Reihe von Bildern sitzt sie mit einem kleinen Yorkshire Terrier mit niedlicher Schleife im Haar vor der Kamera. Trotz dieser zusätzlichen Protagonisten führt die Autorin der Bilder ihr Konzept der Selbstdokumentation konsequent in jeder Aufnahme fort.

Obwohl jegliche biografische Angaben fehlen, vermittelt dieses bemerkenswerte Album ein Gefühl der Vollständigkeit und reflektiert die Hingabe, mit der es über Jahrzehnte hinweg zusammengestellt wurde. Wie im Video zu sehen, gewährt es dem Betrachter die sehr besondere und auch ein wenig unheimliche Erfahrung, ein ganzes Leben auf wenigen Seiten zusammengefasst zu sehen und das Verstreichen der Zeit in den Veränderungen der Gesichtszüge einer einzigen Person ablesen zu können.

– Doris Lin

19. Dezember 2018

Weihnachtsgrüße und Jahresrückblick

  • Snowmen Young Women Playing In Snow Building Snowman

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und die Feiertage rücken näher. The Walther Collection blickt auf ein ereignisreiches Jahr zurück: In den vergangenen zwölf Monaten organisierten und präsentierten wir acht Ausstellungen weltweit. In einem Video haben wir unsere Aktivitäten zusammengefasst – von New York und Neu-Ulm bis Bamako, Puebla, Monterrey, Amsterdam und Barcelona. Viel Spaß beim Ansehen!

Wir wünschen Ihnen erholsame Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr!

25. November 2018

55 Jahre Gedenken an John F. Kennedy: Durch den Fernseher ein Blick in die Welt

Heute vor 55 Jahren, am 25. November 1963, fand das Begräbnis John F. Kennedys statt, nachdem der amerikanische Präsident drei Tage zuvor in Dallas in aller Öffentlichkeit Opfer eines Attentats geworden war. In den Beständen von The Walther Collection befindet sich eine bemerkenswerte Serie eines unbekannten Fotografen, welche die Fernsehberichterstattung über die Trauerfeier fotografisch dokumentiert. Dafür fotografierte der Autor die Geschehnisse in 87 Bildern direkt vom Fernsehbildschirm ab und lässt uns so in verwackelten Schwarzweißbildern an der Zeremonie teilhaben. Durch ihren hohen Grad an Unschärfe und Körnigkeit geben die Aufnahmen zwar viele Szenen nur schemenhaft wieder, interessant ist jedoch der Anachronismus dieser Geste: Nachdem Generationen von Erfindern mühsam Standbilder in Bewegtbilder weiterentwickelt hatten, vollzieht hier der Fotograf einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung.

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Vermutlich sind die Aufnahmen aus der Ahnung heraus entstanden, dass dieser Moment historisch sein und die Welt verändert zurücklassen würde. Mangels anderer Möglichkeiten, dieses wichtige Ereignis festzuhalten, zu speichern und zu archivieren, griff der Fernsehzuschauer zur Fotokamera, was, wie andere "TV Screenshots" in den Beständen von The Walther Collection belegen, in Zeiten vor der Erfindung des Videorecorders ein gar nicht so unübliches Verhalten darstellte.

Die Live-Übertragung im Fernsehen erlaubte es dem Fotografen die Geschehnisse dieses denkwürdigen Tages aus nächster Nähe zu verfolgen, obwohl sie wahrscheinlich in weiter Ferne stattfanden. So deutlich, als ob er aus dem Fenster sehen würde, sah er, was in Washington vor sich ging: Wie sich der lange Trauerzug an weinenden Menschen vorbei langsam auf das Kapitol zubewegte, die Kutsche mit dem von der amerikanischen Flagge bedeckten Sarg. Und er sah Jackie Kennedy, ihr trauriges Gesicht elegant verdeckt vom Trauerflor, an ihren Händen die beiden Kinder.

  • Jfk Raster2 Web

"Elektrisches Teleskop" wollte Paul Nipkow, der als Erfinder des Fernsehen angesehen wird, den Apparat 1884 zunächst nennen. Die Bezeichnung Fernseher setzte sich schließlich durch und verweist auf die Idee eines offenen Fensters, welches den unmittelbaren Blick in die Ferne ermöglicht. So priesen Fernsehhersteller in den 50er Jahren besonders diese Qualität ihrer Geräte: "Sie haben wirklich die schöne Illusion, dass der Bildschirm Ihres Empfängers so eine Art Fenster, ein zusätzliches Fenster in Ihrer Wohnung ist – ein Fenster, das Ihnen den Blick in die Welt öffnet." (Lambert-Wiesing 2001)

Doch die Nähe zu den Ereignissen wird von dem Medium nur vorgetäuscht. Denn tatsächlich saß der Fotograf zuhause, weit entfernt von den Trauerfeierlichkeiten – allein die Fotos verbleiben als Beweis seiner Teilhabe daran. Sein früher Tod ließ John F. Kennedy zum Mythos werden. Die viertägige werbefreie TV-Übertragung im Anschluss an das Attentat markiert einen traurigen Höhepunkt in dem Kult um seine Person. Gleichzeitig bot dieses Fernsehereignis Millionen von Amerikanern einen Rahmen für ihre kollektive Trauer und ließ kritische Stimmen, die dem Medium jede kulturelle Bedeutung absprachen, verstimmen.

– Henriette Kriese

5. November 2018

Imagining Everyday Life: Rückblick auf das jüngste Symposium

Unser diesjähriges Symposium zum Thema vernakulare Fotografie war sehr gut besucht – herzlichen Dank an alle Teilnehmer*innen und Zuhörer*innen! Neben einer Videodokumentation der gesamten Tagung ist auch das Programmheft online verfügbar.

  • Symposium 2018 Grouppic 1

Am 19. und 20. Oktober veranstalteten The Walther Collection, The Center for the Study of Social Difference der Columbia University und The Barnard Center for Research on Women des Barnard College ein zweitägiges Symposium mit zwanzig Referent*innen im Lenfest Center for the Arts an der Columbia University. Ziel des Symposiums war es, den Begriff der vernakularen Fotografie zu kritisch zu diskutieren und der Frage nachzugehen, welche soziale, politische und wirtschaftliche Rolle diese nicht nur in der Fotografiegeschichte, sondern auch in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext spielen könnte. Während der Tagung kristallisierte sich schnell heraus, dass die Kategorie des "Vernakularen" heftig umstritten ist. Sie dient weniger dem künstlerischen Konzept oder Ausdruck, sondern anderen Zwecken, wie z.B. der Erstellung von Ausweispapieren, Familienfotos oder dokumentarischen Architekturaufnahmen.

Anhand von fotografischen Fallbeispielen, die zum Großteil aus den Beständen von The Walther Collection stammten, veranschaulichten die anwesenden Kunsthistoriker*innen, Kurator*innen, Sozialhistoriker*innen und Wissenschaftler*innen aktuelle Forschungsergebnisse zu den Themen Identität und Sexualität und diskutierten lebhaft darüber, ob und wie der Begriff definiert werden kann und was er mit sich bringt.

  • Panel1 2
  • Historyofphotography Batchen
  • Azoulay Symposium2018 Speech 1

Das erste Panel "Warum vernakulare Fotografie? Die Grenzen und Möglichkeiten eines Genres" beschäftigte sich mit der Frage, wie der Begriff der vernakularen Fotografie definiert, angewandt und eingeordnet werden sollte. Etwa als Beitrag zur Sozialgeschichte? Oder über ihr künstlerisches Potential? Die aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen stammenden Referent*innen argumentierten sowohl aus gesellschaftspolitischer als auch aus kunsthistorischer Sicht. Ariella Azoulay (Brown University) betonte in ihrem Vortrag den nachweislich hohen Grad an "ontologischer Gewalt", der untrennbar mit der westlichen Geschichte der Fotografie verbunden ist - insbesondere mit südafrikanischen Cartes de visite aus dem 19. Jahrhundert, aber auch generell mit in aller Welt geraubten Artefakten. Azoulay beharrte auf der Unvermeidbarkeit des "imperial shutter", des durch die Fotografie verewigten Blicks durch die Augen imperialer Mächte, und bat die Zuhörer inständig, nicht die damaligen Produktionsbedingungen solcher Bilder aus den Augen zu verlieren, da sie oftmals die Gewalt der kolonialen Agenda reproduzierten und weiterverbreiteten. Ganz ähnlich argumentierte Patricia Hayes (University of Western Cape) in ihrem Vortrag "Fotografien am Rande der Geschichte", für den sie sich intensiv mit eindringlichen Bildern von Gungnuhana, einem Stammeskönig des Gaza-Reiches, nach seiner Gefangennahme im Jahr 1895 beschäftigte.

Wie einige nachfolgende Redner*innen nutze auch Clément Chéroux (SFMoMa) die Etymologie des Wortes "vernakular" (aus dem Lateinischen vernaculus für "häuslich", "einheimisch"; oder verna für "Haussklave", "Inländer"), um die Vielschichtigkeit des Begriffs und seine Zukunftsperspektiven als Genre im kuratorischen Kontext darzustellen. Während Chéroux den Begriff durchaus als eine pragmatische Kategorie für den Umgang mit Bildern wertete, die ohne jedes "Kunstwollen" entstanden sind, plädierte ausgerechnet Geoffrey Batchen (Victoria University of Wellington), der mit seinem für eben diese Kategorie wegweisenden Buch Vernacular Photographies (2000) Bekanntheit erlangte, für eine grundsätzliche Abkehr von dem Begriff des Vernakularen sowie der kategorischen Trennung von unterschiedlichen Arten von Fotografien. In der anschließenden Diskussion rangen die Redner*innen mit der allgemeinen Zulässigkeit des Begriffs und der Kategorie der vernakularen Fotografie sowie ihrer Nutzung als Quelle der künstlerischen Aneignung und Interpretation.

  • Chospeech 2
  • Vp 3864 Walthercollection Unidentifiedphotographer Migrantfarmworkers Ca1980 Grid

Die sehr kontroversen Diskussionen des Freitags prägten den zweiten Tag des Symposiums nachhaltig. Im ersten Vortrag des Tages interpretierte Tina Campt (Barnard College) Porträtbilder in Bezugnahme auf Allan Sekulas Theorie eines "Schattenarchivs", das Sekula zufolge "ein ganzes soziales Territorium umschreibt, wenn es den Individuen darin einen Platz zuweist". Auf diesem theoretischen Ansatz basierte auch die Ausstellung The Shadow Archive, der erste Teil der mehrjährigen Ausstellungsreihe "Imagining Everyday Life: Aspects of Vernacular Photography" von The Walther Collection.

Ali Behdad (University of California, Los Angeles), ebenfalls Teilnehmer des zweiten Panels, analysierte in seinem Vortrag Familienporträts aus dem Iran des frühen 20. Jahrhunderts und sprach über die Rolle, die diese Bilder in der Entwicklung autoritärer Konzepte einer patriarchalischen geprägten Familiestruktur spielten.

Die folgenden Präsentationen setzten sich mit der Komplexität und Problematik des "Einfangens" – als mechanisch-fotografischem Prozess und als Form politischer oder sozialer Unterwerfung – auseinander: Nicole Fleetwood (Rutgers University) zeigte Porträtaufnahmen von Häftlingen, die im Fotostudio eines Gefängnisses entstanden sind sowie andere Aufnahmen von inhaftierten Personen in den Vereinigten Staaten. Lily Cho (York University) untersuchte eine Serie von Ganzkörperporträts aus den Beständen von The Walther Collection, die Wanderarbeiter zeigt und der Identifizierung und Verwaltung der Arbeiter diente. Laura Wexler (Yale University) referierte ebenfalls über eine Reihe von Fotografien aus unseren Sammlungsbeständen, die Insassen einer psychiatrischen Anstalt des frühen 20. Jahrhunderts dokumentieren. Alle drei Referentinnen betonten die Notwendigkeit sehr sorgfältiger und kritischer Untersuchungen als Grundlage für den Umgang mit solchen Bildern sowie eines wissenschaftlichen Diskurses, der sich der bloßen Ästhetisierung vernakularer Fotografie verweigert und stattdessen die asymmetrischen Machtverhältnisse, die solchen in Unterdrückung und Gefangenschaft entstandenen Bildern innewohnen, präzise darstellt.

  • Bedhdadspeech 3 Cropped
  • Bm 4582 02 Walthercollection Mizerbob Athleticmodelguild Showermodels Ca1970–80S
  • Vp 4586 Walthercollection Unidentifiedphotographer Casa Susanna Ca1930–70S 07

Im dritten Panel "Performance und Transformation: Fotografische (Re-)Visionen der Subjektivität" stellte Elspeth Brown (University of Toronto) die als Körperstudien vermarkteten homoerotischen Aktbilder des amerikanischen Fotografen Bob Mizer vor, deren große Beliebtheit zur Schaffung einer eingeschworenen homosexuellen Gemeinschaft beitrug, die aber auch auf äußerst problematischen rassistischen Vorstellungen von der Überlegenheit der weißen Rasse und ihrer Physiognomie beruhte. Die Kuratorin Sophie Hackett (Art Gallery of Ontario) konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf "Bobbie", einem Mitglied des harten Kerns von Casa Susanna, einer Gemeinschaft von Transsexuellen im US-Bundesstaat New York in den 1960er und 70er Jahren. Leigh Raiford (UC Berkeley) hingegen untersuchte Seite für Seite zwei Fotoalben, die von Afroamerikanern im Ausland zusammengestellt wurden, und enthüllte deren Geschlechterdynamiken. Eines der Alben gehörte der im Exil lebenden Kathleen Cleaver, Mitglied der Black Panther Party und zugleich Ehefrau deren Anführers Eldridge Cleaver. Das zweite Album zeigt afroamerikanische Soldaten im Vietnamkrieg bei einem Auftritt der Miss Black America. Wie Anne Doran in ihrem Bericht über das Symposium schreibt, kommt Raiford zu dem Schluss, "dass Fotografie sowohl ein Instrument der Unterdrückung und zugleich ein Überlebensakt ist".

  • Drewthompson Speech 1 Cropped
  • Shaped Family Album Print Press Copy 2

Das vierte und letzte Panel "Raum, Materialität und soziale Welten der Fotografie" näherte sich den physischen Aspekten fotografischer Bilder an – ihren taktilen Eigenschaften, ihrer Distribution und ihrem zeitgenössischen Einfluss. Marianne Hirsch (Columbia University) stellte die Werke zweier zeitgenössischer Künstler vor, die Fragmente von Familienfotos verarbeiten und deren fertiggestellte Installationen wie kaleidoskopische Familiengeschichten wirken. Drew Thompson (Bard College) sprach über die Unternehmensgeschichte von Polaroid und deren bedenkliche Rolle bei der Verbreitung von rassistischen Stereotypen und Schürung von Rassenunruhen in der südafrikanischen Apartheid-Ära. Thy Phu (Western University) verglich in ihrer Präsentation das Shaped Photograph Family Album aus dem Bestand von The Walther Collection mit einem Album ähnlicher Machart, das wahrscheinlich von einem Mitglied einer südvietnamesischen Militärakademie zusammengestellt wurde, dessen Loyalität gegenüber dieser Institution eine große persönliche Gefahr bedeutete, als 1975 das kommunistische Regime begann. Sie betonte in dieser Gegenüberstellung, wie persönliche Erinnerungen – und die Entscheidung, sie zu bewahren – sowohl von großer Intimität aber auch einer tiefen Entfremdung zeugen können, wenn das Persönliche mit dem Politischen in Konflikt gerät. In ähnlicher Weise untersuchte Deborah Willis (New York University) ein weiteres bemerkenswertes Militäralbum, das während des Zweiten Weltkriegs von einem afroamerikanischen Soldaten zusammengestellt und mit den Jahren zu einem wertvollen Zeitzeugenbericht wurde. Zum Abschluss des Symposiums sprach Barbara Kirshenblatt-Gimblett (New York University) über die Bedeutung der vernakularen Fotografie im Ausstellungskontext des "White Cubes". Sie erklärte, dass "keine Fotografie als vernakulare Fotografie geschaffen wird" und forderte, das Leben und Nachleben jedes "verwaisten" Bildes, einschließlich seiner Verwendung in einer Ausstellung über vernakulare Fotografie genauestens zu untersuchen und zu prüfen. Möglicherweise in einem neuen Format, reproduziert, gerahmt oder digitalisiert, verändert sich die Bedeutung dieser Bilder.

  • Brian Wallis Symposium 2018 Speech 2
  • Walthercollection American Tintypes Professions Photographer

Im dritten Kapitel des Buches Ulysses (1922) lässt James Joyce seinen Protagonisten Stephen Dedalus die Augen schließen, um sehen zu können. Dieser Ausschnitt spiegelt mit seiner Zweideutigkeit die Inhalte des zweitätigen Symposiums gut wider. Viele der Diskussionen drehten sich darum, was wir sehen und - vielleicht noch wichtiger - was wir nicht wahrnehmen, wenn wir Fotografien betrachten. Gil Hochberg (Columbia University) eröffnete die dritte Sitzung mit persönlichen Fotos und einem intimen Gedenken ihres jüngeren Ichs. Sie erinnerte die Zuhörer an die unzähligen unsichtbaren Geschichten, die jedem einzelnen vernakularen Bild zugrunde liegen. Sowohl Brian Wallis (The Walther Collection, freier Kurator) als auch Shawn Michelle Smith (School of the Art Institute of Chicago) begannen ihre Präsentation mit einer Ferrotypie aus dem 19. Jahrhundert. Das Bild stammt aus der Sammlung Artur Walthers und zeigt einen Fotografen, der zum Zeitpunkt der Aufnahme scheinbar selbst ein Bild belichtet, das für uns als Betrachter aber unbekannt bleibt.

Zum Abschluss des Symposiums sprachen sich alle Redner für eine kritische, investigative und reflektierte Annäherung an das veränderliche, teils unstete und dynamische Wesen der vernakularen Fotografie aus. The Walther Collection freut sich auf eine Fortsetzung dieser Diskussionen.

– Felix Chan, Julian Cosma & Sara Softness

18. Oktober 2018

"Imagining Everyday Life" Highlight: The Girlfriends' Album

  • Girlfriends 2 Bw

Am 19. und 20. Oktober 2018 findet unser in Zusammenarbeit mit der Columbia University und dem Barnard College organisiertes Symposium Imagining Everyday Life zum Thema vernakulare Fotografie statt. Voller Vorfreude darauf, möchten wir heute das Titelbild der Veranstaltung und das dazugehörige "Girlfriends' Album" aus dem Jahre 1934 vorstellen, welches auch in der aktuellen Ausstellung Scrapbook Love Story: Memory and the Vernacular Album im Project Space in New York zu sehen ist.


Das fotografische Verfahren wurde bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Mit der Erfindung der Kodak Box-Kamera durch George Eastman im Jahr 1888 verlor das Medium jene Strenge und Förmlichkeit, die frühere Aufnahmen kennzeichnen. Trägermaterialien wie Metall- und Glasplatten oder Papier und lange Belichtungszeiten zwangen die Fotografierten dazu, über eine längere Zeit vollkommen still zu sitzen, aus Angst, jede noch so kleine Bewegung könnte eine Unschärfe erzeugen und das Bild ruinieren. Der lichtempfindlichere Zelluloid-Film Eastmans ermöglichte Schnappschüsse und erlaubte sowohl dem Fotografen als auch den Fotografierten, sich ungezwungen in ihrer Umwelt zu bewegen und die Möglichkeiten dieser neuen Freiheit experimentell auszuloten.

Scrapbook Love Story ist bereits die dritte Ausstellung des Project Space in New York, die sich mit vernakularer Fotografie befasst. Sie widmet sich dieser epochalen Verschiebung der fotografischen Praxis von einem Expertenmedium hin zu einem (fast) jedem zugänglichen Instrument der Alltagsdokumentation und -inszenierung. Das "Girlfriends' Album" veranschaulicht exemplarisch die Verspieltheit und subversive Qualität der Knipserfotografie des frühen 20. Jahrhunderts. Die Aufnahmen zeigen unbekannte junge Frauen in freier Natur und Wäldern – ein Ort, der in vielen Fotoalben und Aufnahmen als eine Art Refugium Zuflucht vor gesellschaftlichen Zwängen bietet und damit ein Thema aufgreift, dass sich literarisch bis in mittelalterliche Balladen wie beispielsweise die Erzählung von Robin Hood zurückverfolgen lässt. Die Bilder, die laut ihrer Beschriftung irgendwo in Minnesota entstanden sind, porträtieren vier Freundinnen frei von zeitgenössischen Darstellungskonventionen. So zeigen sie etwa Nahaufnahmen ihrer Gesichter und Hände sowie Ansichten ihrer nackten Rücken.

Wie diese Serie sehr intimer Aufnahmen belegt, reicht die Bedeutung von Schnappschüssen weit über die Dokumentation von Momenten des privaten Glücks und persönlichen Selbstausdrucks hinaus: Sie stimulierten neue soziale Praktiken, sich vor und für die Kamera zu inszenieren, schufen Raum, über die eigene Identität zu reflektieren und sich neu zu erfinden.

– Julian Cosma

15. Oktober 2018

Neuankauf: Thomas Struth

Thomas Struth (geb. 1954) ist vor allem für Architekurfotografie bekannt. 1973 begann Struth Malerei bei Gerhard Richter an der Kunstakademie in Düsseldorf zu studieren und wechselte drei Jahre später zu Bernd Becher in den Fachbereich Fotografie. Die 2004 entstandene Serie "Paradies" zeigt Landschaftsfotografien, für die Struth um die ganze Welt reiste. An so unterschiedlichen Orten wie dem Bayrischen Wald, in Südchina oder Nord- und Südamerika fotografierte er Urwälder mit dem für ihn typischen nüchtern-sachlichen Blick.

  • Ts 480 03 Walthercollection Struththomas Paradies 2004
  • Ts 480 02 Walthercollection Struththomas Paradies 2004

Seine detailreichen Aufnahmen, die weder Tiere noch bestimmte Wetterphänomene wie starken Sonnenschein, Regen oder Dunst enthalten, zeigen eine makellose, stimmungsgewaltige Landschaft. Die zahlreichen Muster, Strukturen und Grün-Nuancen erwecken die Assoziation von einem ursprünglichen Paradies, ohne die Szenen durch zusätzliche Effekte pathetisch aufzuladen. Das kürzlich in die Sammlung aufgenommene sechsteilige Portfolio von Tintenstrahldrucken besteht aus fünf Farbfotografien und einer Schwarzweißaufnahme.

– Sofia Paule

  • Ts 480 04 Walthercollection Struththomas Paradies 2004

1. Oktober 2018

"Scrapbook Love Story" Highlight: Miss Black America Album

Schwer verbrannte Kinder, die schreiend einer dichten Nebelwand aus Napalm entfliehen: Wenn man an den Vietnamkrieg denkt, ist die ikonische Fotografie von Nick Út höchstwahrscheinlich das erste Bild, das einem in den Sinn kommt. Fotojournalisten waren allerdings nicht die einzigen Personen, die Bilder dieses umstrittenen Krieges produzierten. Auch die Soldaten, die vor Ort stationiert waren, trugen oft Kameras mit sich und fotografierten aus persönlichen Gründen. "Bilder gehören zu den wenigen Dingen, die ein Soldat aus Vietnam mitbringt. Der Film beweist, dass es den Vietnamkrieg gab und er ein Teil davon war", fasst ein Artikel von Tropic Lighting News aus dem Jahr 1971 zusammen.

  • VP 4521 PaulLavallais Miss Black USA Album Cover Image 1971

The Walther Collection kam erst kürzlich in den Besitz eines solchen Erinnerungsstückes. Ein von dem G.I. Paul LaVallais zusammengestelltes Fotoalbum dokumentiert eine Miss Black America Show in Vietnam im Jahr 1971, organisiert von den United Service Organizations (USO), einer gemeinnützigen Organisation, deren Ziel die Unterstützung und das Wohlergehen der US-amerikanischen Streitkräfteangehörigen und ihrer Angehörigen ist. Im einleitenden Vorwort zu seinem Album schreibt La Vallais stolz: "Es ist ein Tag, an den sich all die weißen und schwarzen G.Is., die die Miss Black America Show gesehen haben, noch lange erinnern werden und ein weiteres Kapitel der afroamerikanischen Geschichte". Auf den Fotografien des Albums ist Miss Black America mit ihrem Gefolge auf der Bühne zu sehen; ein anderes Bild zeigt zwei Soldaten, die auf die Schultern ihrer Kameraden gehoben worden sind, die Flagge der Black Power Bewegung hochhalten und den Stars zujubeln. Durch diese einzigartige Sammlung von Aufnahmen mit handschriftlichen Bildunterschriften vermittelt LaVallais persönliche Erfahrungen eines Soldaten des Vietnamkriegs auf eine Weise, die für einen professionellen Kriegsfotografen unmöglich gewesen wäre.

  • VP 4521 PaulLavallais MissBlack USA Album Cover Spread1 1971
  • VP 4521 PaulLavallais MissBlack USA Album Spread5 1971

Alben wie das von LaVallais sind ein höchst individuelles, zugleich aber kollektives Phänomen. Aus verschiedenen Gründen und zu unterschiedlichen Anlässen angefertigt, erlauben Fotoalben Einblicke in den Alltag und die sozialen Strukturen ihrer Zeit und stehen deshalb im Mittelpunkt unserer aktuellen Ausstellung Scrapbook Love Story: Memory and the Vernacular Photo Album im Project Space in New York.

– Doris Lin

17. September 2018

Occupying Wall Street

Heute jährt sich der Beginn der Occupy Wall Street-Proteste zum achten Mal. Inspiriert vom Arabischen Frühling und den Demonstrationen auf dem Kairoer Tahrir-Platz, fragte sich Kalle Lasn, Chefredakteur der Zeitschift und Non-Profit-Organisation Adbusters, inwieweit sich Druck auf den nordamerikanischen Wirtschaftssektor ausüben lässt. Knapp drei Jahre nach Ausbruch der internationalen Banken- und Finanzkrise rief Adbusters zur Besetzung der wichtigsten Börse der Welt auf: "#OCCUPYWALLSTREET. Seid ihr bereit für einen Tahrir-Moment? Strömt am 17. September [2011] nach Lower Manhattan, baut Zelte, Küchen, friedliche Barrikaden und besetzt die Wall Street".

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  • Acs 2216 Walthercollection Sheppaccra Occupyingwallstreetoctober11 2011

Daraufhin besetzten tausende Demonstranten den Zuccotti Park in New York. Occupy Wall Street entwickelte sich in wenigen Wochen zur größten Protestbewegung Nordamerikas – auch in anderen US-Städten wie Washington D.C., Bloomington, Boston, Atlanta, San Francisco oder Philadelphia demonstrierten Tausende für eine stärkere Kontrolle des Finanzsektors, eine Anpassung des als ungerecht empfundenen Steuersystems sowie die Reduzierung der sozialen Ungleichheit zwischen arm und reich. Der während der Proteste allgegenwärtige Slogan “Wir sind die 99 Prozent!” bezieht sich auf einen Aufsatz des Ökonomie-Nobelpreisträgers Joseph Stieglitz in der Zeitschrift Vanity Fair, in dem er schrieb, dass die ökonomische und politische Macht bei nur einem Prozent der Bevölkerung liege. Die Kluft zwischen diesem einen und den anderen 99 Prozent wurde zum Symbol der gesellschaftlichen Spaltung und zur zentralen Prämisse von Occupy Wall Street.

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Journalisten und Politiker kritisierten häufig, dass die Bewegung keine klaren Ziele verfolgte. Um dieser Berichterstattung etwas entgegenzusetzen, porträtierte Accra Shepp die Demonstranten und verlieh dem Protest ein Gesicht. Mit einer Großformatkamera fotografierte er jede Woche zwanzig bis dreißig Bilder von Demonstranten, Polizisten, Nachrichtenreportern und Schaulustigen. Die dabei entstandene Serie "Occupying Wall Street" zeigt einen Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft: Junge Menschen stehen neben Rentnern, Afroamerikaner neben Weißen und Latinos. Ihre Kleidung ist in vielen Fällen leger oder ausgefallen, manche tragen aber auch Kostüm oder Anzug. Seine Porträts präsentierte Shepp zeitgleich in einer Ausstellung in New York, die er fortlaufend durch neue Aufnahmen erweiterte.

– Daniela Baumann & Juliane Peil

31. August 2018

Neuankauf: Zwei Kinder hören Wilhelm Buschs "Max und Moritz"

Wer kennt sie nicht, die haarsträubenden Streiche von Max und Moritz? Die Bildergeschichte von Wilhelm Busch (1832–1908) bringt seit 1865 Generationen zum Lachen und begeistert bis heute sowohl Klein als auch Groß. Obwohl Buschs Frühwerk "Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in sieben Streichen" vorwiegend im deutschen Sprachraum bekannt ist, ist es eines der meistverkauften Kinderbücher und wurde bereits in 300 Sprachen und Dialekte übertragen.

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Im Verlauf der Geschichte ärgern die gewitzten Jungen Max und Moritz die Bewohner ihres Dorfes: die Witwe Bolte, den Schneider Böck, den Dorfschullehrer Lämpel, den Onkel Fritz, den Meister Bäcker und den Bauern Mecke. Wie bei vielen nachfolgenden Werken verwendete Busch den Holzstich für den Druck seiner Zeichnungen – die Kombination von Bild und Wort in seinen Bildergeschichten wird häufig als Vorläufer des modernen Comics eingestuft.

  • Vp 5629 Walthercollection Unidentifiedphotographer Twochildrenlistentomaxmoritz Wilhelmbusch 1930S Row3

Die erst kürzlich erworbenen 12 Silbergelatineabzüge eines unbekannten Fotografen zeigen zwei junge Mädchen – vermutlich Schwestern, vielleicht sogar Zwillinge –, die aufmerksam den sieben Streichen von Max und Moritz lauschen. Ergänzt werden die Fotografien aus den 1930er Jahren von Textausschnitten der Geschichte. Höchstwahrscheinlich dokumentieren die Aufnahmen die spontanen Reaktionen der Mädchen auf die Verse. Ihre ausdrucksstarke Mimik und Gestik wechselt von herzlichem Lachen zu ungläubigen und fragenden Blicken und erschrockenen Mienen und spiegeln so den Inhalt der Erzählung wider.

– Juliane Peil

28. Juni 2018

Neuankauf: Heinz Lieber

Seit den 1920ern durchlief der Berliner Alexanderplatz viele städtebauliche Veränderungen. Nachdem der Platz und umliegende Bauwerke im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstört worden waren, begannen in den 1950er Jahren der Wiederaufbau und die Neugestaltung der Innenstadt. Bis heute prägt die Architektur der Nachkriegsmoderne das Stadtbild Berlins nachhaltig.

  • Hl 02 Walthercollection Heinzlieber Berlinalexanderplatz 1972 72Dpi

Bauingenieur und Fotograf Heinz Lieber dokumentierte zwischen 1968 und 1972 die Umgestaltung des Alexanderplatzes in zahlreichen Aufnahmen. Für gewöhnlich montierte er mehrere Einzelbilder zu einem 360°-Panorama. Einer unserer jüngsten Neuankäufe zeigt − von links nach rechts – das Berolinahaus von Peter Behrens (1929-1932) sowie später entstandene Bauten aus den 1960er Jahren: das Centrum-Warenhaus (1967-70), das Interhotel Stadt Berlin (1967-70; heute Park Inn), das Haus der Elektroindustrie (1967-69), das Haus des Reisens (1969-71) und das Haus der Statistik (1968-70). Ergänzt wird der Rundumblick durch eine zweite Arbeit, die unter anderem das Haus des Lehrers (1961-64) auf der linken Seite und den Fernsehturm (1965-69) zeigt.

– Juliane Peil

  • Hl 01 Walthercollection Heinzlieber Berlinalexanderplatz 1972 72Dpi

30. Dezember 2017

The New York Times listet "Recent Histories" als eines der besten Fotobücher 2017

Ende 2017 wählte Teju Cole, Fotokritiker der New York Times, The Walther Collection's Ausstellungskatalog Recent Histories: Contemporary African Photography and Video Art als eines der "Besten Fotobücher" des Jahres aus.

Herausgegeben von Daniela Baumann, Joshua Chuang und Oluremi C. Onabanjo, vereint Recent Histories die Perspektiven von 14 zeitgenössischen afrikanischen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit Fragen der Identität und Zugehörigkeit sowie persönlichen Erfahrungen befassen und ein umfangreiches Spektrum sozialer Anliegen, wie Migration oder sozio-politische Wertvorstellungen in Afrika und der afrikanischen Diaspora untersuchen. Indem die Publikation die Plattformen und Infrastrukturen beleuchtet, die die verschiedenen künstlerischen Ansätze verbinden, erlaubt sie eine kritische Reflexion aktueller Kunstpraktiken und deren Kontexte.

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