Samuel Fosso: Der Mann mit tausend Gesichtern

29.5.2022 — 18.11.2022

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Konzeptueller Rahmen

Die The Walther Collection freut sich eine Retrospektive mit fotografischen Werken von Samuel Fosso (b. 1962), einem der renommiertesten zeitgenössischen Künstler Afrikas, zu präsentieren. Die Ausstellung Samuel Fosso: Der Mann mit tausend Gesichtern umspannt seine bereits fünf Jahrzehnte währende Karriere und zeigt Werke, die sich mit zentralen Themen der zeitgenössischen Kunstszene auseinandersetzen. Anhand umfassender Serien und weniger bekannten Werke aus seiner Jugend zeichnet die Ausstellung den Werdegang des Künstlers nach, der zwischen persönlicher Introspektion und kollektiven Erzählungen oszilliert.

Seit Mitte der 1970er Jahre konzentriert sich Samuel Fosso auf Selbstporträts und performative Fotografie, wobei er seinen Körper transformiert und Variationen einer postkolonialen afrikanischen Identität entwirft. Seine anfänglichen konzeptuellen Bildexperimente ließen neue visuelle Narrativen entstehen, die ethnografische Ansichten von Afrika und die wirtschaftlichen Zwänge der Studioporträts in Frage stellten. Samuel Fosso: Der Mann mit tausend Gesichtern wird über zwei Galerien des White Cubes der The Walther Collection in Neu-Ulm präsentiert, mit einer Auswahl aus allen bestehenden Serien des Künstlers: die Studiofotografien von den 1970er bis 1990er Jahren im Obergeschoss und spätere Werke, die sowohl die persönliche Geschichte des Künstlers als auch globale Politik widerspiegeln, werden in der Hauptgalerie im Untergeschoss gezeigt.

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Samuel Fosso, 70’s Lifestyle, 1975–78

Das Werk von Samuel Fosso spiegelt den Wandel in der Geschichte der Fotografie in Afrika wider, als afrikanische Künstler*Innen die Kamera auf sich selbst richteten und begannen, postkolonialistische Perspektiven visuell darzustellen und zu verkörpern. 1975, im Alter von dreizehn Jahren, eröffnete Fosso das Studio Photo Nationale in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Tagsüber fotografierte er zahlende Kund*Innen mit individuellem – und oft extravagantem – Sinn für Stil; nachts fokussierte er die Kamera auf sich selbst. Samuel Fossos ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Selbstporträts aus diesen Jahren verweisen auf westafrikanische Populärkultur und bilden ein einzigartiges und andauerndes fotografisches Projekt, das Identität, Sexualität, Geschlecht und afrikanische Selbstdarstellung kritisch und einfallsreich untersucht.

Mode als Werkzeug für Transformation und Bildgestaltung ist ein essenzielles Thema, das sich durch Fossos Oeuvre zieht und das er sich für die Formulierung von Identitätsprozessen und ikonischen Selbstinszenierungen zu Nutze macht. Der Künstler beschreibt: “Die Kleidung hilft mir, die Geschichte der Figur zu erzählen und ihre eigenen Emotionen zu teilen... aber vor allem hilft mir die Kleidung, sie zu verstehen.“

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Samuel Fosso, Le rocker (The Rocker), 1997, from the series "Tati"
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Samuel Fosso, La femme américaine libérée des années 70 (The LiberatedAmerican Woman of the 1970s), 1997, from the series "Tati"
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Samuel Fosso, Le golfeur (The Golf Player), 1997, from the series "Tati"

Während die Serie Tati (1997) die transformative Kraft von Stilisierung und satirischer Darstellung untersucht, erforschen andere Fotoessays Sujets der Erinnerung und des Rituals. Für Mémoire d’un ami (2000) rekonstruiert Fosso eine Nacht im Jahr 1997, in der sein Freund und Nachbar von bewaffneten Milizen in Bangui ermordet wurde. Die Performances und Fotografien zeugen von großer Verletzlichkeit angesichts globaler, soziopolitischer Themen.

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Samuel Fosso, "Mémoire d'un ami," 2000

Für die Serie African Spirits (2008) stellte Fosso historische Fotos von herausragenden Persönlichkeiten der panafrikanischen Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegung nach und beschäftigte sich mit der Bedeutung von Ikonografie. Die 13 in der Serie dargestellten Afrikaner und Afroamerikaner*Innen – wie Angela Davis, Malcolm X oder Haile Selassie – sind durch ihren Stil und ihre Haltung identifizierbar und machen deutlich, wie durch strategischen Einsatz von Selbststilisierung Massenmedien manipuliert werden können und gesellschaftlicher Einfluss und visuelle Macht entstehen kann.

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Samuel Fosso, "Self-Portrait (Martin Luther King, Jr.)," from the series "African Spirits," 2008
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Samuel Fosso, Self-Portrait (Angela Davis), 2008, from the series "African Spirits"
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Samuel Fosso, Self-Portrait (Patrice Lumumba), 2008, from the series "African Spirits"

Fünf Jahre später, in der Serie Emperor of Africa (2013), verkörpert Fosso Mao Zedong und zeigt erneut die ikonografische Kraft von Stil und Image in einem politischen Porträt und beleuchtet gleichzeitig die neokoloniale Beziehung zwischen China und der Verschuldung mancher afrikanischen Länder.

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Samuel Fosso, "Emperor of Africa," 2013
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Samuel Fosso, "Emperor of Africa," 2013
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Samuel Fosso, "Emperor of Africa," 2013

Die Auswahl von zwei Diptychen aus der Serie ALLONZENFANS (2013) zeigt Fossos visuelle Intervention in die komplexe Geschichte Frankreichs zu seinen ehemaligen Kolonien. Fosso posiert als Angehörige des Militärs in Uniformen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, abwechselnd als streng blickender und lächelnder Soldat, der aus den Kolonien für die französischen Regimenter eingezogen wurde. Wie African Spirits und Emperor of Africa zeigt auch ALLONZENFANS die Auseinandersetzung des Künstlers mit bestimmten Episoden der afrikanischen und europäische Geschichte.

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Samuel Fosso, "ALLONZENFANS," 2013
Allonzenfans diptych Fosso Guide
Samuel Fosso, "ALLONZENFANS," 2013

Die Serie Black Pope (2017) spielt auf die Religionspolitik zwischen Europa und Afrika an, denn trotz der hohen Zahl an Katholik*Innen in Afrika hat es nie einen Schwarzen Papst gegeben. Während afrikanische Christ*Innen erfolglos hofften, dass dies während des Konklaves 2013 korrigiert werden würde, regt Fossos Arbeit, die vier Jahre später entstand, unsere Vorstellungskraft an und lädt uns ein, das unwahrscheinliche Ereignis eines Afrikaners auf dem Stuhl des Papstes in Betracht zu ziehen.

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Samuel Fosso, "Black Pope," 2017
Pope 3 Fosso Guide
 
Pope 1 Fosso Guide
 

Durch die umfassende Präsentation von Fossos Oeuvre ermöglicht diese Retrospektive einen großzügigen Einblick in die Praxis des konzeptuellen Künstlers, die sich deutlich von den westafrikanischen Studiofotografie-Traditionen der 1950er und 1960er Jahre unterscheidet, die von Seydou Keïta und Malick Sidibé geprägt wurden: von Fossos anfänglichen Arbeiten, die sich mit den aufkommenden Sehnsüchten einer postkolonialen afrikanischen Gesellschaft auseinandersetzen, bis hin zu seinen späteren Werken, die sich mit der Art und Weise beschäftigen, wie Fotografien die Welt bereisen und ihre Bedeutung im Laufe der Zeit verändern. Indem er sich auf performative, fotografische Prozesse und globale Politik konzentriert, überschreiten seine Ideen die bloße Selbstdarstellung oder Selbstreflexion und umfassen die Erkundung dessen, was Okwui Enwezor als „selbstkonstituiertes Theater der postkolonialen Identität“ bezeichnete. In diesem “Theater” manifestiert sich das Paradoxon von Verkleidung und Maskierung, wobei Fosso nicht versucht, ein Individuum nachzubilden, sondern die Idee dieser Person als “Charakter in einem größeren menschlichen Drama”.

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Samuel Fosso, Seydou Keïta, and Malick Sidibé in the department store TATI, 1998
© Bernard Descamps. Courtesy Bernard Descamps

Samuel Fosso wurde 1962 in Kumba, Kamerun, geboren und wuchs in Nigeria auf. In jungen Jahren floh er vor dem Biafran-Krieg und wurde 1972 von seinem Onkel in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik aufgenommen. Nachdem er durch einen Nachbarn zur Fotografie fand, gründete er im Alter von 13 Jahren sein eigenes Fotostudio.

1995 erhielt er den Preis Afrique en Création und 2001 wurde er mit dem Prince Claus Award ausgezeichnet. Seine Selbstporträts befinden sich in den Sammlungen internationaler Museen wie der Tate Gallery in London, dem Centre Pompidou und dem musée du quai Branly - Jacques Chirac in Paris. 2017 fand eine Einzelausstellung seines Werks in der National Portrait Gallery in London statt. Im Jahr 2020 wurde die Monografie Autoportrait, die erste umfassende Übersicht von Samuel Fossos Arbeiten, von Steidl und der The Walther Collection veröffentlicht. Samuel Fosso lebt und arbeitet zwischen Nigeria und Frankreich.

Publikationen

Anlässlich der Samuel Fosso Retrospektive im MEP 2021, veröffentlichte Steidl die französische Ausgabe von Autoportrait.
der erste umfassende Überblick über Samuel Fossos facettenreiches Werk. Die englische Version wurde 2020 gemeinsam mit der The Walther Collection verlegt. Neben einer Konversation zwischen Samuel Fosso und Okwui Enwezor (Hg.), enthält der Fotoband u.a. Beiträge von Quentin Bajac, Elvira Dyangani Ose, Chika Okeke-Agulu, Oluremi C. Onabanjo, Claire Staebler, James Thomas und Artur Walther.

SIXSIXSIX präsentiert 666 großformatige Polaroid-Selbstporträts, die Samuel Fosso mit einem kleinen Team in seinem Pariser Studio zwischen 2015 und 2016 produzierte. Vor dem immer gleichen dunkelroten Vorhang aufgenommen, weichen diese eindrucksvollen Bilder durch ihren subtilen und reduzierten Ansatz von Fossos früheren Selbstporträts ab. Die größte Herausforderung bestand darin, 666 Selbstporträts mit einem jeweils einzigartigen Gesichtsausdruck zu kreieren. Auf diese Weise erinnert die umfangreiche Serie an die in Fossos Werk kontinuierliche und enge Verknüpfung von künstlerischer Performance und dem fotografischen Medium. Die Publikation beginnt mit einem Gespräch zwischen Fosso und dem Kurator und Kritiker Hans Ulrich Obrist.

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Cover: "Autoportrait," 2020 und "SIXSIXSIX," 2020

Über die Ausstellung

Samuel Fosso: Der Mann mit tausend Gesichtern ist eine Wanderausstellung organisiert durch das Maison Européenne de la Photographie (Paris) in Zusammenarbeit mit der The Walther Collection (Neu-Ulm) und dem Huis Marseille (Amsterdam). Unterstützt von Art Mentor Foundation Lucerne.

Kuratiert von Clothilde Morette, Iheanyi Onwuegbucha und Clara Stratmann

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