14. Januar 2019, gepostet von Daniela Baumann

"Scrapbook Love Story" Highlight: Die Selbstdokumentation einer unbekannten Französin

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Viele der in Scrapbook Love Story: Memory and the Vernacular Photo Album ausgestellten Fotoalben gewähren intime Einblicke in das Leben der darin abgebildeten Personen. Sei es Richard Hicks Bowmans Album voller Andenken an seinen Militärdienst in der US-Armee während des Zweiten Weltkrieges, oder die sehr farbenfroh gestaltete und mit "Fun with the Girls" betitelte Dokumentation einer Übersee-Reise von vier Freundinnen aus den frühen 1970er Jahren – all diese Alben reflektieren, dass sich ihre Macher sehr bewusst damit auseinandergesetzt haben, wie sie ihr Leben für sich selbst und andere in Szene setzen und erinnern wollten. In der Ausstellung befindet sich auch ein kleinformatiges Album, das durch seine sehr eigenwillige Art des persönlichen Gedenkens aus der Gesamtheit aller Exponate heraussticht.

  • Vp 5672 Walthercollection Frenchwoman

In einer Vielzahl von nahezu identischen, in einem Fotoautomaten gemachten Selbstporträts zeigt es eine nicht näher bekannte Französin beim Älterwerden über mehrere Jahrzehnte hinweg. Mit erstaunlicher Präzision und Beständigkeit ließ sich die Autorin des Albums ab 1928 in regelmäßigen Abständen in den immer gleichen Posen und Perspektiven ablichten, um stets dasselbe Set von Bildern zu erhalten: jeweils ein Profilbild der linken und rechten Gesichtshälfte, eine Frontalaufnahme, sowie eine Ansicht mit leicht gedrehtem und nach oben geneigtem Kopf. Dank dieser sehr strengen Selbstinszenierung lassen sich die altersbedingten Veränderungen wie die Schärfung ihrer Gesichtszüge, aber auch ihr über die Jahre gleichbleibendes, immer leicht mysteriöses Lächeln gut nachvollziehen. Ebenfalls unverändert bleibt ihre stets gut frisierte und modisch gekleidete Erscheinung, die den Betrachter erahnen lässt, dass das regelmäßige Aufsuchen des Fotoautomaten für die Frau ein wichtiges Ereignis darstellte und vielleicht in dem Bewusstsein geschah, einen bestimmten Moment für die Nachwelt festzuhalten. Im gesamten Album gibt es nur ein Bild, das von diesem Muster abweicht, und zwar ein etwas flüchtiges Porträt, das die Französin in der Krankenschwestern-Uniform des Roten Kreuzes zeigt, aufgenommen im Jahr 1943 in Algerien.

  • Vp 5672 Walthercollection Unidentifiedphotographer Frenchwomanthroughtheyears 08

Zudem tauchen nur vereinzelt andere Personen im Album auf. In der Fotoserie aus dem Jahr 1933 posiert sie neben einem Mann, zu dem sie vermutlich ein inniges Verhältnis hatte. In einer späteren, nicht genauer datierten Reihe von Bildern sitzt sie mit einem kleinen Yorkshire Terrier mit niedlicher Schleife im Haar vor der Kamera. Trotz dieser zusätzlichen Protagonisten führt die Autorin der Bilder ihr Konzept der Selbstdokumentation konsequent in jeder Aufnahme fort.

Obwohl jegliche biografische Angaben fehlen, vermittelt dieses bemerkenswerte Album ein Gefühl der Vollständigkeit und reflektiert die Hingabe, mit der es über Jahrzehnte hinweg zusammengestellt wurde. Wie im Video zu sehen, gewährt es dem Betrachter die sehr besondere und auch ein wenig unheimliche Erfahrung, ein ganzes Leben auf wenigen Seiten zusammengefasst zu sehen und das Verstreichen der Zeit in den Veränderungen der Gesichtszüge einer einzigen Person ablesen zu können.

– Doris Lin

19. Dezember 2018, gepostet von Juliane Peil

Weihnachtsgrüße und Jahresrückblick

  • Snowmen Young Women Playing In Snow Building Snowman

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und die Feiertage rücken näher. The Walther Collection blickt auf ein ereignisreiches Jahr zurück: In den vergangenen zwölf Monaten organisierten und präsentierten wir acht Ausstellungen weltweit. In einem Video haben wir unsere Aktivitäten zusammengefasst – von New York und Neu-Ulm bis Bamako, Puebla, Monterrey, Amsterdam und Barcelona. Viel Spaß beim Ansehen!

Wir wünschen Ihnen erholsame Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr!

25. November 2018, gepostet von Daniela Baumann

55 Jahre Gedenken an John F. Kennedy: Durch den Fernseher ein Blick in die Welt

Heute vor 55 Jahren, am 25. November 1963, fand das Begräbnis John F. Kennedys statt, nachdem der amerikanische Präsident drei Tage zuvor in Dallas in aller Öffentlichkeit Opfer eines Attentats geworden war. In den Beständen von The Walther Collection befindet sich eine bemerkenswerte Serie eines unbekannten Fotografen, welche die Fernsehberichterstattung über die Trauerfeier fotografisch dokumentiert. Dafür fotografierte der Autor die Geschehnisse in 87 Bildern direkt vom Fernsehbildschirm ab und lässt uns so in verwackelten Schwarzweißbildern an der Zeremonie teilhaben. Durch ihren hohen Grad an Unschärfe und Körnigkeit geben die Aufnahmen zwar viele Szenen nur schemenhaft wieder, interessant ist jedoch der Anachronismus dieser Geste: Nachdem Generationen von Erfindern mühsam Standbilder in Bewegtbilder weiterentwickelt hatten, vollzieht hier der Fotograf einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung.

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Vermutlich sind die Aufnahmen aus der Ahnung heraus entstanden, dass dieser Moment historisch sein und die Welt verändert zurücklassen würde. Mangels anderer Möglichkeiten, dieses wichtige Ereignis festzuhalten, zu speichern und zu archivieren, griff der Fernsehzuschauer zur Fotokamera, was, wie andere "TV Screenshots" in den Beständen von The Walther Collection belegen, in Zeiten vor der Erfindung des Videorecorders ein gar nicht so unübliches Verhalten darstellte.

Die Live-Übertragung im Fernsehen erlaubte es dem Fotografen die Geschehnisse dieses denkwürdigen Tages aus nächster Nähe zu verfolgen, obwohl sie wahrscheinlich in weiter Ferne stattfanden. So deutlich, als ob er aus dem Fenster sehen würde, sah er, was in Washington vor sich ging: Wie sich der lange Trauerzug an weinenden Menschen vorbei langsam auf das Kapitol zubewegte, die Kutsche mit dem von der amerikanischen Flagge bedeckten Sarg. Und er sah Jackie Kennedy, ihr trauriges Gesicht elegant verdeckt vom Trauerflor, an ihren Händen die beiden Kinder.

  • Jfk Raster2 Web

"Elektrisches Teleskop" wollte Paul Nipkow, der als Erfinder des Fernsehen angesehen wird, den Apparat 1884 zunächst nennen. Die Bezeichnung Fernseher setzte sich schließlich durch und verweist auf die Idee eines offenen Fensters, welches den unmittelbaren Blick in die Ferne ermöglicht. So priesen Fernsehhersteller in den 50er Jahren besonders diese Qualität ihrer Geräte: "Sie haben wirklich die schöne Illusion, dass der Bildschirm Ihres Empfängers so eine Art Fenster, ein zusätzliches Fenster in Ihrer Wohnung ist – ein Fenster, das Ihnen den Blick in die Welt öffnet." (Lambert-Wiesing 2001)

Doch die Nähe zu den Ereignissen wird von dem Medium nur vorgetäuscht. Denn tatsächlich saß der Fotograf zuhause, weit entfernt von den Trauerfeierlichkeiten – allein die Fotos verbleiben als Beweis seiner Teilhabe daran. Sein früher Tod ließ John F. Kennedy zum Mythos werden. Die viertägige werbefreie TV-Übertragung im Anschluss an das Attentat markiert einen traurigen Höhepunkt in dem Kult um seine Person. Gleichzeitig bot dieses Fernsehereignis Millionen von Amerikanern einen Rahmen für ihre kollektive Trauer und ließ kritische Stimmen, die dem Medium jede kulturelle Bedeutung absprachen, verstimmen.

– Henriette Kriese

5. November 2018, gepostet von Daniela Baumann

Imagining Everyday Life: Rückblick auf das jüngste Symposium

Unser diesjähriges Symposium zum Thema vernakulare Fotografie war sehr gut besucht – herzlichen Dank an alle Teilnehmer*innen und Zuhörer*innen! Neben einer Videodokumentation der gesamten Tagung ist auch das Programmheft online verfügbar.

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Am 19. und 20. Oktober veranstalteten The Walther Collection, The Center for the Study of Social Difference der Columbia University und The Barnard Center for Research on Women des Barnard College ein zweitägiges Symposium mit zwanzig Referent*innen im Lenfest Center for the Arts an der Columbia University. Ziel des Symposiums war es, den Begriff der vernakularen Fotografie zu kritisch zu diskutieren und der Frage nachzugehen, welche soziale, politische und wirtschaftliche Rolle diese nicht nur in der Fotografiegeschichte, sondern auch in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext spielen könnte. Während der Tagung kristallisierte sich schnell heraus, dass die Kategorie des "Vernakularen" heftig umstritten ist. Sie dient weniger dem künstlerischen Konzept oder Ausdruck, sondern anderen Zwecken, wie z.B. der Erstellung von Ausweispapieren, Familienfotos oder dokumentarischen Architekturaufnahmen.

Anhand von fotografischen Fallbeispielen, die zum Großteil aus den Beständen von The Walther Collection stammten, veranschaulichten die anwesenden Kunsthistoriker*innen, Kurator*innen, Sozialhistoriker*innen und Wissenschaftler*innen aktuelle Forschungsergebnisse zu den Themen Identität und Sexualität und diskutierten lebhaft darüber, ob und wie der Begriff definiert werden kann und was er mit sich bringt.

  • Panel1 2
  • Historyofphotography Batchen
  • Azoulay Symposium2018 Speech 1

Das erste Panel "Warum vernakulare Fotografie? Die Grenzen und Möglichkeiten eines Genres" beschäftigte sich mit der Frage, wie der Begriff der vernakularen Fotografie definiert, angewandt und eingeordnet werden sollte. Etwa als Beitrag zur Sozialgeschichte? Oder über ihr künstlerisches Potential? Die aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen stammenden Referent*innen argumentierten sowohl aus gesellschaftspolitischer als auch aus kunsthistorischer Sicht. Ariella Azoulay (Brown University) betonte in ihrem Vortrag den nachweislich hohen Grad an "ontologischer Gewalt", der untrennbar mit der westlichen Geschichte der Fotografie verbunden ist - insbesondere mit südafrikanischen Cartes de visite aus dem 19. Jahrhundert, aber auch generell mit in aller Welt geraubten Artefakten. Azoulay beharrte auf der Unvermeidbarkeit des "imperial shutter", des durch die Fotografie verewigten Blicks durch die Augen imperialer Mächte, und bat die Zuhörer inständig, nicht die damaligen Produktionsbedingungen solcher Bilder aus den Augen zu verlieren, da sie oftmals die Gewalt der kolonialen Agenda reproduzierten und weiterverbreiteten. Ganz ähnlich argumentierte Patricia Hayes (University of Western Cape) in ihrem Vortrag "Fotografien am Rande der Geschichte", für den sie sich intensiv mit eindringlichen Bildern von Gungnuhana, einem Stammeskönig des Gaza-Reiches, nach seiner Gefangennahme im Jahr 1895 beschäftigte.

Wie einige nachfolgende Redner*innen nutze auch Clément Chéroux (SFMoMa) die Etymologie des Wortes "vernakular" (aus dem Lateinischen vernaculus für "häuslich", "einheimisch"; oder verna für "Haussklave", "Inländer"), um die Vielschichtigkeit des Begriffs und seine Zukunftsperspektiven als Genre im kuratorischen Kontext darzustellen. Während Chéroux den Begriff durchaus als eine pragmatische Kategorie für den Umgang mit Bildern wertete, die ohne jedes "Kunstwollen" entstanden sind, plädierte ausgerechnet Geoffrey Batchen (Victoria University of Wellington), der mit seinem für eben diese Kategorie wegweisenden Buch Vernacular Photographies (2000) Bekanntheit erlangte, für eine grundsätzliche Abkehr von dem Begriff des Vernakularen sowie der kategorischen Trennung von unterschiedlichen Arten von Fotografien. In der anschließenden Diskussion rangen die Redner*innen mit der allgemeinen Zulässigkeit des Begriffs und der Kategorie der vernakularen Fotografie sowie ihrer Nutzung als Quelle der künstlerischen Aneignung und Interpretation.

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  • Vp 3864 Walthercollection Unidentifiedphotographer Migrantfarmworkers Ca1980 Grid

Die sehr kontroversen Diskussionen des Freitags prägten den zweiten Tag des Symposiums nachhaltig. Im ersten Vortrag des Tages interpretierte Tina Campt (Barnard College) Porträtbilder in Bezugnahme auf Allan Sekulas Theorie eines "Schattenarchivs", das Sekula zufolge "ein ganzes soziales Territorium umschreibt, wenn es den Individuen darin einen Platz zuweist". Auf diesem theoretischen Ansatz basierte auch die Ausstellung The Shadow Archive, der erste Teil der mehrjährigen Ausstellungsreihe "Imagining Everyday Life: Aspects of Vernacular Photography" von The Walther Collection.

Ali Behdad (University of California, Los Angeles), ebenfalls Teilnehmer des zweiten Panels, analysierte in seinem Vortrag Familienporträts aus dem Iran des frühen 20. Jahrhunderts und sprach über die Rolle, die diese Bilder in der Entwicklung autoritärer Konzepte einer patriarchalischen geprägten Familiestruktur spielten.

Die folgenden Präsentationen setzten sich mit der Komplexität und Problematik des "Einfangens" – als mechanisch-fotografischem Prozess und als Form politischer oder sozialer Unterwerfung – auseinander: Nicole Fleetwood (Rutgers University) zeigte Porträtaufnahmen von Häftlingen, die im Fotostudio eines Gefängnisses entstanden sind sowie andere Aufnahmen von inhaftierten Personen in den Vereinigten Staaten. Lily Cho (York University) untersuchte eine Serie von Ganzkörperporträts aus den Beständen von The Walther Collection, die Wanderarbeiter zeigt und der Identifizierung und Verwaltung der Arbeiter diente. Laura Wexler (Yale University) referierte ebenfalls über eine Reihe von Fotografien aus unseren Sammlungsbeständen, die Insassen einer psychiatrischen Anstalt des frühen 20. Jahrhunderts dokumentieren. Alle drei Referentinnen betonten die Notwendigkeit sehr sorgfältiger und kritischer Untersuchungen als Grundlage für den Umgang mit solchen Bildern sowie eines wissenschaftlichen Diskurses, der sich der bloßen Ästhetisierung vernakularer Fotografie verweigert und stattdessen die asymmetrischen Machtverhältnisse, die solchen in Unterdrückung und Gefangenschaft entstandenen Bildern innewohnen, präzise darstellt.

  • Bedhdadspeech 3 Cropped
  • Bm 4582 02 Walthercollection Mizerbob Athleticmodelguild Showermodels Ca1970–80S
  • Vp 4586 Walthercollection Unidentifiedphotographer Casa Susanna Ca1930–70S 07

Im dritten Panel "Performance und Transformation: Fotografische (Re-)Visionen der Subjektivität" stellte Elspeth Brown (University of Toronto) die als Körperstudien vermarkteten homoerotischen Aktbilder des amerikanischen Fotografen Bob Mizer vor, deren große Beliebtheit zur Schaffung einer eingeschworenen homosexuellen Gemeinschaft beitrug, die aber auch auf äußerst problematischen rassistischen Vorstellungen von der Überlegenheit der weißen Rasse und ihrer Physiognomie beruhte. Die Kuratorin Sophie Hackett (Art Gallery of Ontario) konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf "Bobbie", einem Mitglied des harten Kerns von Casa Susanna, einer Gemeinschaft von Transsexuellen im US-Bundesstaat New York in den 1960er und 70er Jahren. Leigh Raiford (UC Berkeley) hingegen untersuchte Seite für Seite zwei Fotoalben, die von Afroamerikanern im Ausland zusammengestellt wurden, und enthüllte deren Geschlechterdynamiken. Eines der Alben gehörte der im Exil lebenden Kathleen Cleaver, Mitglied der Black Panther Party und zugleich Ehefrau deren Anführers Eldridge Cleaver. Das zweite Album zeigt afroamerikanische Soldaten im Vietnamkrieg bei einem Auftritt der Miss Black America. Wie Anne Doran in ihrem Bericht über das Symposium schreibt, kommt Raiford zu dem Schluss, "dass Fotografie sowohl ein Instrument der Unterdrückung und zugleich ein Überlebensakt ist".

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  • Shaped Family Album Print Press Copy 2

Das vierte und letzte Panel "Raum, Materialität und soziale Welten der Fotografie" näherte sich den physischen Aspekten fotografischer Bilder an – ihren taktilen Eigenschaften, ihrer Distribution und ihrem zeitgenössischen Einfluss. Marianne Hirsch (Columbia University) stellte die Werke zweier zeitgenössischer Künstler vor, die Fragmente von Familienfotos verarbeiten und deren fertiggestellte Installationen wie kaleidoskopische Familiengeschichten wirken. Drew Thompson (Bard College) sprach über die Unternehmensgeschichte von Polaroid und deren bedenkliche Rolle bei der Verbreitung von rassistischen Stereotypen und Schürung von Rassenunruhen in der südafrikanischen Apartheid-Ära. Thy Phu (Western University) verglich in ihrer Präsentation das Shaped Photograph Family Album aus dem Bestand von The Walther Collection mit einem Album ähnlicher Machart, das wahrscheinlich von einem Mitglied einer südvietnamesischen Militärakademie zusammengestellt wurde, dessen Loyalität gegenüber dieser Institution eine große persönliche Gefahr bedeutete, als 1975 das kommunistische Regime begann. Sie betonte in dieser Gegenüberstellung, wie persönliche Erinnerungen – und die Entscheidung, sie zu bewahren – sowohl von großer Intimität aber auch einer tiefen Entfremdung zeugen können, wenn das Persönliche mit dem Politischen in Konflikt gerät. In ähnlicher Weise untersuchte Deborah Willis (New York University) ein weiteres bemerkenswertes Militäralbum, das während des Zweiten Weltkriegs von einem afroamerikanischen Soldaten zusammengestellt und mit den Jahren zu einem wertvollen Zeitzeugenbericht wurde. Zum Abschluss des Symposiums sprach Barbara Kirshenblatt-Gimblett (New York University) über die Bedeutung der vernakularen Fotografie im Ausstellungskontext des "White Cubes". Sie erklärte, dass "keine Fotografie als vernakulare Fotografie geschaffen wird" und forderte, das Leben und Nachleben jedes "verwaisten" Bildes, einschließlich seiner Verwendung in einer Ausstellung über vernakulare Fotografie genauestens zu untersuchen und zu prüfen. Möglicherweise in einem neuen Format, reproduziert, gerahmt oder digitalisiert, verändert sich die Bedeutung dieser Bilder.

  • Funwiththegirls
  • Brian Wallis Symposium 2018 Speech 2
  • Walthercollection American Tintypes Professions Photographer

Im dritten Kapitel des Buches Ulysses (1922) lässt James Joyce seinen Protagonisten Stephen Dedalus die Augen schließen, um sehen zu können. Dieser Ausschnitt spiegelt mit seiner Zweideutigkeit die Inhalte des zweitätigen Symposiums gut wider. Viele der Diskussionen drehten sich darum, was wir sehen und - vielleicht noch wichtiger - was wir nicht wahrnehmen, wenn wir Fotografien betrachten. Gil Hochberg (Columbia University) eröffnete die dritte Sitzung mit persönlichen Fotos und einem intimen Gedenken ihres jüngeren Ichs. Sie erinnerte die Zuhörer an die unzähligen unsichtbaren Geschichten, die jedem einzelnen vernakularen Bild zugrunde liegen. Sowohl Brian Wallis (The Walther Collection, freier Kurator) als auch Shawn Michelle Smith (School of the Art Institute of Chicago) begannen ihre Präsentation mit einer Ferrotypie aus dem 19. Jahrhundert. Das Bild stammt aus der Sammlung Artur Walthers und zeigt einen Fotografen, der zum Zeitpunkt der Aufnahme scheinbar selbst ein Bild belichtet, das für uns als Betrachter aber unbekannt bleibt.

Zum Abschluss des Symposiums sprachen sich alle Redner für eine kritische, investigative und reflektierte Annäherung an das veränderliche, teils unstete und dynamische Wesen der vernakularen Fotografie aus. The Walther Collection freut sich auf eine Fortsetzung dieser Diskussionen.

– Felix Chan, Julian Cosma & Sara Softness

18. Oktober 2018, gepostet von Daniela Baumann

"Imagining Everyday Life" Highlight: The Girlfriends' Album

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Am 19. und 20. Oktober 2018 findet unser in Zusammenarbeit mit der Columbia University und dem Barnard College organisiertes Symposium Imagining Everyday Life zum Thema vernakulare Fotografie statt. Voller Vorfreude darauf, möchten wir heute das Titelbild der Veranstaltung und das dazugehörige "Girlfriends' Album" aus dem Jahre 1934 vorstellen, welches auch in der aktuellen Ausstellung Scrapbook Love Story: Memory and the Vernacular Album im Project Space in New York zu sehen ist.


Das fotografische Verfahren wurde bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Mit der Erfindung der Kodak Box-Kamera durch George Eastman im Jahr 1888 verlor das Medium jene Strenge und Förmlichkeit, die frühere Aufnahmen kennzeichnen. Trägermaterialien wie Metall- und Glasplatten oder Papier und lange Belichtungszeiten zwangen die Fotografierten dazu, über eine längere Zeit vollkommen still zu sitzen, aus Angst, jede noch so kleine Bewegung könnte eine Unschärfe erzeugen und das Bild ruinieren. Der lichtempfindlichere Zelluloid-Film Eastmans ermöglichte Schnappschüsse und erlaubte sowohl dem Fotografen als auch den Fotografierten, sich ungezwungen in ihrer Umwelt zu bewegen und die Möglichkeiten dieser neuen Freiheit experimentell auszuloten.

  • Girlfriends Grid

Scrapbook Love Story ist bereits die dritte Ausstellung des Project Space in New York, die sich mit vernakularer Fotografie befasst. Sie widmet sich dieser epochalen Verschiebung der fotografischen Praxis von einem Expertenmedium hin zu einem (fast) jedem zugänglichen Instrument der Alltagsdokumentation und -inszenierung. Das "Girlfriends' Album" veranschaulicht exemplarisch die Verspieltheit und subversive Qualität der Knipserfotografie des frühen 20. Jahrhunderts. Die Aufnahmen zeigen unbekannte junge Frauen in freier Natur und Wäldern – ein Ort, der in vielen Fotoalben und Aufnahmen als eine Art Refugium Zuflucht vor gesellschaftlichen Zwängen bietet und damit ein Thema aufgreift, dass sich literarisch bis in mittelalterliche Balladen wie beispielsweise die Erzählung von Robin Hood zurückverfolgen lässt. Die Bilder, die laut ihrer Beschriftung irgendwo in Minnesota entstanden sind, porträtieren vier Freundinnen frei von zeitgenössischen Darstellungskonventionen. So zeigen sie etwa Nahaufnahmen ihrer Gesichter und Hände sowie Ansichten ihrer nackten Rücken.

Wie diese Serie sehr intimer Aufnahmen belegt, reicht die Bedeutung von Schnappschüssen weit über die Dokumentation von Momenten des privaten Glücks und persönlichen Selbstausdrucks hinaus: Sie stimulierten neue soziale Praktiken, sich vor und für die Kamera zu inszenieren, schufen Raum, über die eigene Identität zu reflektieren und sich neu zu erfinden.

– Julian Cosma

15. Oktober 2018, gepostet von Daniela Baumann

Neuankauf: Thomas Struth

Thomas Struth (geb. 1954) ist vor allem für Architekurfotografie bekannt. 1973 begann Struth Malerei bei Gerhard Richter an der Kunstakademie in Düsseldorf zu studieren und wechselte drei Jahre später zu Bernd Becher in den Fachbereich Fotografie. Die 2004 entstandene Serie "Paradies" zeigt Landschaftsfotografien, für die Struth um die ganze Welt reiste. An so unterschiedlichen Orten wie dem Bayrischen Wald, in Südchina oder Nord- und Südamerika fotografierte er Urwälder mit dem für ihn typischen nüchtern-sachlichen Blick.

  • Ts 480 03 Walthercollection Struththomas Paradies 2004
  • Ts 480 02 Walthercollection Struththomas Paradies 2004

Seine detailreichen Aufnahmen, die weder Tiere noch bestimmte Wetterphänomene wie starken Sonnenschein, Regen oder Dunst enthalten, zeigen eine makellose, stimmungsgewaltige Landschaft. Die zahlreichen Muster, Strukturen und Grün-Nuancen erwecken die Assoziation von einem ursprünglichen Paradies, ohne die Szenen durch zusätzliche Effekte pathetisch aufzuladen. Das kürzlich in die Sammlung aufgenommene sechsteilige Portfolio von Tintenstrahldrucken besteht aus fünf Farbfotografien und einer Schwarzweißaufnahme.

– Sofia Paule

  • Ts 480 04 Walthercollection Struththomas Paradies 2004

1. Oktober 2018, gepostet von Daniela Baumann

"Scrapbook Love Story" Highlight: Miss Black America Album

Schwer verbrannte Kinder, die schreiend einer dichten Nebelwand aus Napalm entfliehen: Wenn man an den Vietnamkrieg denkt, ist die ikonische Fotografie von Nick Út höchstwahrscheinlich das erste Bild, das einem in den Sinn kommt. Fotojournalisten waren allerdings nicht die einzigen Personen, die Bilder dieses umstrittenen Krieges produzierten. Auch die Soldaten, die vor Ort stationiert waren, trugen oft Kameras mit sich und fotografierten aus persönlichen Gründen. "Bilder gehören zu den wenigen Dingen, die ein Soldat aus Vietnam mitbringt. Der Film beweist, dass es den Vietnamkrieg gab und er ein Teil davon war", fasst ein Artikel von Tropic Lighting News aus dem Jahr 1971 zusammen.

  • VP 4521 PaulLavallais Miss Black USA Album Cover Image 1971

The Walther Collection kam erst kürzlich in den Besitz eines solchen Erinnerungsstückes. Ein von dem G.I. Paul LaVallais zusammengestelltes Fotoalbum dokumentiert eine Miss Black America Show in Vietnam im Jahr 1971, organisiert von den United Service Organizations (USO), einer gemeinnützigen Organisation, deren Ziel die Unterstützung und das Wohlergehen der US-amerikanischen Streitkräfteangehörigen und ihrer Angehörigen ist. Im einleitenden Vorwort zu seinem Album schreibt La Vallais stolz: "Es ist ein Tag, an den sich all die weißen und schwarzen G.Is., die die Miss Black America Show gesehen haben, noch lange erinnern werden und ein weiteres Kapitel der afroamerikanischen Geschichte". Auf den Fotografien des Albums ist Miss Black America mit ihrem Gefolge auf der Bühne zu sehen; ein anderes Bild zeigt zwei Soldaten, die auf die Schultern ihrer Kameraden gehoben worden sind, die Flagge der Black Power Bewegung hochhalten und den Stars zujubeln. Durch diese einzigartige Sammlung von Aufnahmen mit handschriftlichen Bildunterschriften vermittelt LaVallais persönliche Erfahrungen eines Soldaten des Vietnamkriegs auf eine Weise, die für einen professionellen Kriegsfotografen unmöglich gewesen wäre.

  • VP 4521 PaulLavallais MissBlack USA Album Cover Spread1 1971
  • VP 4521 PaulLavallais MissBlack USA Album Spread5 1971

Alben wie das von LaVallais sind ein höchst individuelles, zugleich aber kollektives Phänomen. Aus verschiedenen Gründen und zu unterschiedlichen Anlässen angefertigt, erlauben Fotoalben Einblicke in den Alltag und die sozialen Strukturen ihrer Zeit und stehen deshalb im Mittelpunkt unserer aktuellen Ausstellung Scrapbook Love Story: Memory and the Vernacular Photo Album im Project Space in New York.

– Doris Lin

17. September 2018, gepostet von Daniela Baumann

Occupying Wall Street

Heute jährt sich der Beginn der Occupy Wall Street-Proteste zum achten Mal. Inspiriert vom Arabischen Frühling und den Demonstrationen auf dem Kairoer Tahrir-Platz, fragte sich Kalle Lasn, Chefredakteur der Zeitschift und Non-Profit-Organisation Adbusters, inwieweit sich Druck auf den nordamerikanischen Wirtschaftssektor ausüben lässt. Knapp drei Jahre nach Ausbruch der internationalen Banken- und Finanzkrise rief Adbusters zur Besetzung der wichtigsten Börse der Welt auf: "#OCCUPYWALLSTREET. Seid ihr bereit für einen Tahrir-Moment? Strömt am 17. September [2011] nach Lower Manhattan, baut Zelte, Küchen, friedliche Barrikaden und besetzt die Wall Street".

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  • Acs 2216 Walthercollection Sheppaccra Occupyingwallstreetoctober11 2011

Daraufhin besetzten tausende Demonstranten den Zuccotti Park in New York. Occupy Wall Street entwickelte sich in wenigen Wochen zur größten Protestbewegung Nordamerikas – auch in anderen US-Städten wie Washington D.C., Bloomington, Boston, Atlanta, San Francisco oder Philadelphia demonstrierten Tausende für eine stärkere Kontrolle des Finanzsektors, eine Anpassung des als ungerecht empfundenen Steuersystems sowie die Reduzierung der sozialen Ungleichheit zwischen arm und reich. Der während der Proteste allgegenwärtige Slogan “Wir sind die 99 Prozent!” bezieht sich auf einen Aufsatz des Ökonomie-Nobelpreisträgers Joseph Stieglitz in der Zeitschrift Vanity Fair, in dem er schrieb, dass die ökonomische und politische Macht bei nur einem Prozent der Bevölkerung liege. Die Kluft zwischen diesem einen und den anderen 99 Prozent wurde zum Symbol der gesellschaftlichen Spaltung und zur zentralen Prämisse von Occupy Wall Street.

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Journalisten und Politiker kritisierten häufig, dass die Bewegung keine klaren Ziele verfolgte. Um dieser Berichterstattung etwas entgegenzusetzen, porträtierte Accra Shepp die Demonstranten und verlieh dem Protest ein Gesicht. Mit einer Großformatkamera fotografierte er jede Woche zwanzig bis dreißig Bilder von Demonstranten, Polizisten, Nachrichtenreportern und Schaulustigen. Die dabei entstandene Serie "Occupying Wall Street" zeigt einen Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft: Junge Menschen stehen neben Rentnern, Afroamerikaner neben Weißen und Latinos. Ihre Kleidung ist in vielen Fällen leger oder ausgefallen, manche tragen aber auch Kostüm oder Anzug. Seine Porträts präsentierte Shepp zeitgleich in einer Ausstellung in New York, die er fortlaufend durch neue Aufnahmen erweiterte.

– Daniela Baumann & Juliane Peil

31. August 2018, gepostet von Daniela Baumann

Neuankauf: Zwei Kinder hören Wilhelm Buschs "Max und Moritz"

Wer kennt sie nicht, die haarsträubenden Streiche von Max und Moritz? Die Bildergeschichte von Wilhelm Busch (1832–1908) bringt seit 1865 Generationen zum Lachen und begeistert bis heute sowohl Klein als auch Groß. Obwohl Buschs Frühwerk "Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in sieben Streichen" vorwiegend im deutschen Sprachraum bekannt ist, ist es eines der meistverkauften Kinderbücher und wurde bereits in 300 Sprachen und Dialekte übertragen.

  • Vp 5629 Walthercollection Unidentifiedphotographer Twochildrenlistentomaxmoritz Wilhelmbusch 1930S Row1

Im Verlauf der Geschichte ärgern die gewitzten Jungen Max und Moritz die Bewohner ihres Dorfes: die Witwe Bolte, den Schneider Böck, den Dorfschullehrer Lämpel, den Onkel Fritz, den Meister Bäcker und den Bauern Mecke. Wie bei vielen nachfolgenden Werken verwendete Busch den Holzstich für den Druck seiner Zeichnungen – die Kombination von Bild und Wort in seinen Bildergeschichten wird häufig als Vorläufer des modernen Comics eingestuft.

  • Vp 5629 Walthercollection Unidentifiedphotographer Twochildrenlistentomaxmoritz Wilhelmbusch 1930S Row3

Die erst kürzlich erworbenen 12 Silbergelatineabzüge eines unbekannten Fotografen zeigen zwei junge Mädchen – vermutlich Schwestern, vielleicht sogar Zwillinge –, die aufmerksam den sieben Streichen von Max und Moritz lauschen. Ergänzt werden die Fotografien aus den 1930er Jahren von Textausschnitten der Geschichte. Höchstwahrscheinlich dokumentieren die Aufnahmen die spontanen Reaktionen der Mädchen auf die Verse. Ihre ausdrucksstarke Mimik und Gestik wechselt von herzlichem Lachen zu ungläubigen und fragenden Blicken und erschrockenen Mienen und spiegeln so den Inhalt der Erzählung wider.

– Juliane Peil

28. Juni 2018, gepostet von Daniela Baumann

Neuankauf: Heinz Lieber

Seit den 1920ern durchlief der Berliner Alexanderplatz viele städtebauliche Veränderungen. Nachdem der Platz und umliegende Bauwerke im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstört worden waren, begannen in den 1950er Jahren der Wiederaufbau und die Neugestaltung der Innenstadt. Bis heute prägt die Architektur der Nachkriegsmoderne das Stadtbild Berlins nachhaltig.

  • Hl 02 Walthercollection Heinzlieber Berlinalexanderplatz 1972 72Dpi

Bauingenieur und Fotograf Heinz Lieber dokumentierte zwischen 1968 und 1972 die Umgestaltung des Alexanderplatzes in zahlreichen Aufnahmen. Für gewöhnlich montierte er mehrere Einzelbilder zu einem 360°-Panorama. Einer unserer jüngsten Neuankäufe zeigt − von links nach rechts – das Berolinahaus von Peter Behrens (1929-1932) sowie später entstandene Bauten aus den 1960er Jahren: das Centrum-Warenhaus (1967-70), das Interhotel Stadt Berlin (1967-70; heute Park Inn), das Haus der Elektroindustrie (1967-69), das Haus des Reisens (1969-71) und das Haus der Statistik (1968-70). Ergänzt wird der Rundumblick durch eine zweite Arbeit, die unter anderem das Haus des Lehrers (1961-64) auf der linken Seite und den Fernsehturm (1965-69) zeigt.

– Juliane Peil

  • Hl 01 Walthercollection Heinzlieber Berlinalexanderplatz 1972 72Dpi

30. Dezember 2017, gepostet von Zum Kuckuck

The New York Times listet „Recent Histories“ als eines der besten Fotobücher 2017

Ende 2017 wählte Teju Cole, Fotokritiker der New York Times, The Walther Collection's Ausstellungskatalog Recent Histories: Contemporary African Photography and Video Art als eines der „Besten Fotobücher“ des Jahres aus.

Herausgegeben von Daniela Baumann, Joshua Chuang und Oluremi C. Onabanjo, vereint Recent Histories die Perspektiven von 14 zeitgenössischen afrikanischen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit Fragen der Identität und Zugehörigkeit sowie persönlichen Erfahrungen befassen und ein umfangreiches Spektrum sozialer Anliegen, wie Migration oder sozio-politische Wertvorstellungen in Afrika und der afrikanischen Diaspora untersuchen. Indem die Publikation die Plattformen und Infrastrukturen beleuchtet, die die verschiedenen künstlerischen Ansätze verbinden, erlaubt sie eine kritische Reflexion aktueller Kunstpraktiken und deren Kontexte.

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