18. Oktober 2018, gepostet von Daniela Baumann

"Imagining Everyday Life" Highlight: The Girlfriends' Album

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Am 19. und 20. Oktober 2018 findet unser in Zusammenarbeit mit der Columbia University und dem Barnard College organisiertes Symposium Imagining Everyday Life zum Thema vernakulare Fotografie statt. Voller Vorfreude darauf, möchten wir heute das Titelbild der Veranstaltung und das dazugehörige "Girlfriends' Album" aus dem Jahre 1934 vorstellen, welches auch in der aktuellen Ausstellung Scrapbook Love Story: Memory and the Vernacular Album im Project Space in New York zu sehen ist.


Das fotografische Verfahren wurde bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Mit der Erfindung der Kodak Box-Kamera durch George Eastman im Jahr 1888 verlor das Medium jene Strenge und Förmlichkeit, die frühere Aufnahmen kennzeichnen. Trägermaterialien wie Metall- und Glasplatten oder Papier und lange Belichtungszeiten zwangen die Fotografierten dazu, über eine längere Zeit vollkommen still zu sitzen, aus Angst, jede noch so kleine Bewegung könnte eine Unschärfe erzeugen und das Bild ruinieren. Der lichtempfindlichere Zelluloid-Film Eastmans ermöglichte Schnappschüsse und erlaubte sowohl dem Fotografen als auch den Fotografierten, sich ungezwungen in ihrer Umwelt zu bewegen und die Möglichkeiten dieser neuen Freiheit experimentell auszuloten.

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Scrapbook Love Story ist bereits die dritte Ausstellung des Project Space in New York, die sich mit vernakularer Fotografie befasst. Sie widmet sich dieser epochalen Verschiebung der fotografischen Praxis von einem Expertenmedium hin zu einem (fast) jedem zugänglichen Instrument der Alltagsdokumentation und -inszenierung. Das "Girlfriends' Album" veranschaulicht exemplarisch die Verspieltheit und subversive Qualität der Knipserfotografie des frühen 20. Jahrhunderts. Die Aufnahmen zeigen unbekannte junge Frauen in freier Natur und Wäldern – ein Ort, der in vielen Fotoalben und Aufnahmen als eine Art Refugium Zuflucht vor gesellschaftlichen Zwängen bietet und damit ein Thema aufgreift, dass sich literarisch bis in mittelalterliche Balladen wie beispielsweise die Erzählung von Robin Hood zurückverfolgen lässt. Die Bilder, die laut ihrer Beschriftung irgendwo in Minnesota entstanden sind, porträtieren vier Freundinnen frei von zeitgenössischen Darstellungskonventionen. So zeigen sie etwa Nahaufnahmen ihrer Gesichter und Hände sowie Ansichten ihrer nackten Rücken.

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Wie diese Serie sehr intimer Aufnahmen belegt, reicht die Bedeutung von Schnappschüssen weit über die Dokumentation von Momenten des privaten Glücks und persönlichen Selbstausdrucks hinaus: Sie stimulierten neue soziale Praktiken, sich vor und für die Kamera zu inszenieren, schufen Raum, über die eigene Identität zu reflektieren und sich neu zu erfinden.

15. Oktober 2018, gepostet von Daniela Baumann

Neuankauf: Thomas Struth

Thomas Struth (geb. 1954) ist vor allem für Architekurfotografie bekannt. 1973 begann Struth Malerei bei Gerhard Richter an der Kunstakademie in Düsseldorf zu studieren und wechselte drei Jahre später zu Bernd Becher in den Fachbereich Fotografie. Die 2004 entstandene Serie "Paradies" zeigt Landschaftsfotografien, für die Struth um die ganze Welt reiste. An so unterschiedlichen Orten wie dem Bayrischen Wald, in Südchina oder Nord- und Südamerika fotografierte er Urwälder mit dem für ihn typischen nüchtern-sachlichen Blick.

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Seine detailreichen Aufnahmen, die weder Tiere noch bestimmte Wetterphänomene wie starken Sonnenschein, Regen oder Dunst enthalten, zeigen eine makellose, stimmungsgewaltige Landschaft. Die zahlreichen Muster, Strukturen und Grün-Nuancen erwecken die Assoziation von einem ursprünglichen Paradies, ohne die Szenen durch zusätzliche Effekte pathetisch aufzuladen. Das kürzlich in die Sammlung aufgenommene sechsteilige Portfolio von Tintenstrahldrucken besteht aus fünf Farbfotografien und einer Schwarzweißaufnahme.

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1. Oktober 2018, gepostet von Daniela Baumann

"Scrapbook Love Story" Highlight: Miss Black America Album

Schwer verbrannte Kinder, die schreiend einer dichten Nebelwand aus Napalm entfliehen: Wenn man an den Vietnamkrieg denkt, ist die ikonische Fotografie von Nick Út höchstwahrscheinlich das erste Bild, das einem in den Sinn kommt. Fotojournalisten waren allerdings nicht die einzigen Personen, die Bilder dieses umstrittenen Krieges produzierten. Auch die Soldaten, die vor Ort stationiert waren, trugen oft Kameras mit sich und fotografierten aus persönlichen Gründen. "Bilder gehören zu den wenigen Dingen, die ein Soldat aus Vietnam mitbringt. Der Film beweist, dass es den Vietnamkrieg gab und er ein Teil davon war", fasst ein Artikel von Tropic Lighting News aus dem Jahr 1971 zusammen.

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The Walther Collection kam erst kürzlich in den Besitz eines solchen Erinnerungsstückes. Ein von dem G.I. Paul LaVallais zusammengestelltes Fotoalbum dokumentiert eine Miss Black America Show in Vietnam im Jahr 1971, organisiert von den United Service Organizations (USO), einer gemeinnützigen Organisation, deren Ziel die Unterstützung und das Wohlergehen der US-amerikanischen Streitkräfteangehörigen und ihrer Angehörigen ist. Im einleitenden Vorwort zu seinem Album schreibt La Vallais stolz: "Es ist ein Tag, an den sich all die weißen und schwarzen G.Is., die die Miss Black America Show gesehen haben, noch lange erinnern werden und ein weiteres Kapitel der afroamerikanischen Geschichte". Auf den Fotografien des Albums ist Miss Black America mit ihrem Gefolge auf der Bühne zu sehen; ein anderes Bild zeigt zwei Soldaten, die auf die Schultern ihrer Kameraden gehoben worden sind, die Flagge der Black Power Bewegung hochhalten und den Stars zujubeln. Durch diese einzigartige Sammlung von Aufnahmen mit handschriftlichen Bildunterschriften vermittelt LaVallais persönliche Erfahrungen eines Soldaten des Vietnamkriegs auf eine Weise, die für einen professionellen Kriegsfotografen unmöglich gewesen wäre.

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Alben wie das von LaVallais sind ein höchst individuelles, zugleich aber kollektives Phänomen. Aus verschiedenen Gründen und zu unterschiedlichen Anlässen angefertigt, erlauben Fotoalben Einblicke in den Alltag und die sozialen Strukturen ihrer Zeit und stehen deshalb im Mittelpunkt unserer aktuellen Ausstellung Scrapbook Love Story: Memory and the Vernacular Photo Album im Project Space in New York.

17. September 2018, gepostet von Daniela Baumann

Occupying Wall Street

Heute jährt sich der Beginn der Occupy Wall Street-Proteste zum achten Mal. Inspiriert vom Arabischen Frühling und den Demonstrationen auf dem Kairoer Tahrir-Platz, fragte sich Kalle Lasn, Chefredakteur der Zeitschift und Non-Profit-Organisation Adbusters, inwieweit sich Druck auf den nordamerikanischen Wirtschaftssektor ausüben lässt. Knapp drei Jahre nach Ausbruch der internationalen Banken- und Finanzkrise rief Adbusters zur Besetzung der wichtigsten Börse der Welt auf: "#OCCUPYWALLSTREET. Seid ihr bereit für einen Tahrir-Moment? Strömt am 17. September [2011] nach Lower Manhattan, baut Zelte, Küchen, friedliche Barrikaden und besetzt die Wall Street".

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Daraufhin besetzten tausende Demonstranten den Zuccotti Park in New York. Occupy Wall Street entwickelte sich in wenigen Wochen zur größten Protestbewegung Nordamerikas – auch in anderen US-Städten wie Washington D.C., Bloomington, Boston, Atlanta, San Francisco oder Philadelphia demonstrierten Tausende für eine stärkere Kontrolle des Finanzsektors, eine Anpassung des als ungerecht empfundenen Steuersystems sowie die Reduzierung der sozialen Ungleichheit zwischen arm und reich. Der während der Proteste allgegenwärtige Slogan “Wir sind die 99 Prozent!” bezieht sich auf einen Aufsatz des Ökonomie-Nobelpreisträgers Joseph Stieglitz in der Zeitschrift Vanity Fair, in dem er schrieb, dass die ökonomische und politische Macht bei nur einem Prozent der Bevölkerung liege. Die Kluft zwischen diesem einen und den anderen 99 Prozent wurde zum Symbol der gesellschaftlichen Spaltung und zur zentralen Prämisse von Occupy Wall Street.

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Journalisten und Politiker kritisierten häufig, dass die Bewegung keine klaren Ziele verfolgte. Um dieser Berichterstattung etwas entgegenzusetzen, porträtierte Accra Shepp die Demonstranten und verlieh dem Protest ein Gesicht. Mit einer Großformatkamera fotografierte er jede Woche zwanzig bis dreißig Bilder von Demonstranten, Polizisten, Nachrichtenreportern und Schaulustigen. Die dabei entstandene Serie "Occupying Wall Street" zeigt einen Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft: Junge Menschen stehen neben Rentnern, Afroamerikaner neben Weißen und Latinos. Ihre Kleidung ist in vielen Fällen leger oder ausgefallen, manche tragen aber auch Kostüm oder Anzug. Seine Porträts präsentierte Shepp zeitgleich in einer Ausstellung in New York, die er fortlaufend durch neue Aufnahmen erweiterte.

31. August 2018, gepostet von Daniela Baumann

Neuankauf: Zwei Kinder hören Wilhelm Buschs "Max und Moritz"

Wer kennt sie nicht, die haarsträubenden Streiche von Max und Moritz? Die Bildergeschichte von Wilhelm Busch (1832–1908) bringt seit 1865 Generationen zum Lachen und begeistert bis heute sowohl Klein als auch Groß. Obwohl Buschs Frühwerk "Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in sieben Streichen" vorwiegend im deutschen Sprachraum bekannt ist, ist es eines der meistverkauften Kinderbücher und wurde bereits in 300 Sprachen und Dialekte übertragen.

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Im Verlauf der Geschichte ärgern die gewitzten Jungen Max und Moritz die Bewohner ihres Dorfes: die Witwe Bolte, den Schneider Böck, den Dorfschullehrer Lämpel, den Onkel Fritz, den Meister Bäcker und den Bauern Mecke. Wie bei vielen nachfolgenden Werken verwendete Busch den Holzstich für den Druck seiner Zeichnungen – die Kombination von Bild und Wort in seinen Bildergeschichten wird häufig als Vorläufer des modernen Comics eingestuft.

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Die erst kürzlich erworbenen 12 Silbergelatineabzüge eines unbekannten Fotografen zeigen zwei junge Mädchen – vermutlich Schwestern, vielleicht sogar Zwillinge –, die aufmerksam den sieben Streichen von Max und Moritz lauschen. Ergänzt werden die Fotografien aus den 1930er Jahren von Textausschnitten der Geschichte. Höchstwahrscheinlich dokumentieren die Aufnahmen die spontanen Reaktionen der Mädchen auf die Verse. Ihre ausdrucksstarke Mimik und Gestik wechselt von herzlichem Lachen zu ungläubigen und fragenden Blicken und erschrockenen Mienen und spiegeln so den Inhalt der Erzählung wider.

28. Juni 2018, gepostet von Daniela Baumann

Neuankauf: Heinz Lieber

Seit den 1920ern durchlief der Berliner Alexanderplatz viele städtebauliche Veränderungen. Nachdem der Platz und umliegende Bauwerke im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstört worden waren, begannen in den 1950er Jahren der Wiederaufbau und die Neugestaltung der Innenstadt. Bis heute prägt die Architektur der Nachkriegsmoderne das Stadtbild Berlins nachhaltig.

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Bauingenieur und Fotograf Heinz Lieber dokumentierte zwischen 1968 und 1972 die Umgestaltung des Alexanderplatzes in zahlreichen Aufnahmen. Für gewöhnlich montierte er mehrere Einzelbilder zu einem 360°-Panorama. Einer unserer jüngsten Neuankäufe zeigt − von links nach rechts – das Berolinahaus von Peter Behrens (1929-1932) sowie später entstandene Bauten aus den 1960er Jahren: das Centrum-Warenhaus (1967-70), das Interhotel Stadt Berlin (1967-70; heute Park Inn), das Haus der Elektroindustrie (1967-69), das Haus des Reisens (1969-71) und das Haus der Statistik (1968-70). Ergänzt wird der Rundumblick durch eine zweite Arbeit, die unter anderem das Haus des Lehrers (1961-64) auf der linken Seite und den Fernsehturm (1965-69) zeigt.

  • Hl 01 Walthercollection Heinzlieber Berlinalexanderplatz 1972 72Dpi

30. Dezember 2017, gepostet von Zum Kuckuck

The New York Times listet „Recent Histories“ als eines der besten Fotobücher 2017

Ende 2017 wählte Teju Cole, Fotokritiker der New York Times, The Walther Collection's Ausstellungskatalog Recent Histories: Contemporary African Photography and Video Art als eines der „Besten Fotobücher“ des Jahres aus.

Herausgegeben von Daniela Baumann, Joshua Chuang und Oluremi C. Onabanjo, vereint Recent Histories die Perspektiven von 14 zeitgenössischen afrikanischen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit Fragen der Identität und Zugehörigkeit sowie persönlichen Erfahrungen befassen und ein umfangreiches Spektrum sozialer Anliegen, wie Migration oder sozio-politische Wertvorstellungen in Afrika und der afrikanischen Diaspora untersuchen. Indem die Publikation die Plattformen und Infrastrukturen beleuchtet, die die verschiedenen künstlerischen Ansätze verbinden, erlaubt sie eine kritische Reflexion aktueller Kunstpraktiken und deren Kontexte.

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